Archiv für den Monat Februar 2015

Genesende Perfektionistin

Durch einen Podcast bin ich mal wieder auf ein tolles Buch gestoßen: Verletzlichkeit macht stark von Brené Brown. Dass Verletzlichkeit stark machen soll, klingt erst mal paradox. Schließlich fühlen wir uns alles andere als stark, wenn wir verletzt werden. Eher schwach, verwundbar, wütend, ohnmächtig. Und weil wir das lieber nicht fühlen wollen, wappnen wir uns. Wir legen einen Panzer an, wir versuchen perfekt und unangreifbar zu sein, wir betäuben Gefühle. Dummerweise kann man Gefühle nicht einseitig betäuben. Wenn wir die unangenehmen nicht fühlen wollen und überdecken – mit Kaffee, Süßkram, Alkohol, immerzu beschäftigt sein, so dass uns unser Leben nicht einholen kann… – dann schneiden wir uns genauso von den ‚angenehmen‘ Gefühlen ab. Von Freude, Liebe, Verbundenheit. Wir stehen uns selbst und einem „Leben aus vollem Herzen“, wie Brené Brown es nennt, im Weg.

Sie selbst habe sich lange gegen diese Erkenntnis gewehrt, sagt sie. Als Texanerin der fünften Generation mit dem Familienmotto „Nie ohne meine Waffe“ habe sie sich ihre Abneigung gegen Verletzlichkeit „ehrlich – und genetisch – erworben“.

Als ich die Seiten über Perfektionismus las, merkte ich: das ist mein Kapitel! Brené Brown nennt sich selbst eine „genesende Perfektionistin“, und mir ist klar: ich leide auch an dieser Krankheit! Ich habe selten eine so gute Symptomatik dieser Krankheit gelesen. Und da ich den Eindruck habe, wenn ich diese Erkenntnis verinnerliche, könnte sich das lebensverändernd auswirken, versuche ich, sie hier einmal in Worte zu fassen.

Was also ist Perfektionismus?

1. Perfektionismus ist nicht das Bestreben, exzellent zu sein, gute Arbeit zu leisten oder sich gesund weiterzuentwickeln. Sondern es ist eine Abwehrstrategie. Es geht darum, den Schmerz abzuwehren, der mit (negativer) Beurteilung und Scham einhergeht. Der Glaube, der dahinter steht: Wenn wir etwas perfekt machen, können wir uns schützen; wir müssen dann nichts Schmerzhaftes fühlen. In Wahrheit hält uns dieser Schutzschild aber davon ab, wirklich wahrgenommen zu werden, mit allem, was zu uns gehört. Etwas, das wir uns doch eigentlich sehnlichst wünschen.

2. Perfektionismus ist nicht das gesunde Bestreben, sich (selbst) zu verbessern. Dabei wäre die Wahrnehmung nämlich nach innen gerichtet. Sondern es ist der Versuch, Bestätigung zu erhalten. Das ist eine Bewegung, die nach außen gerichtet ist. Wir fragen uns: wie nehmen mich die anderen wahr? Was werden sie denken? In letzter Konsequenz heißt das auch: (Wie sehr) muss ich mich verbiegen, damit sie Gutes von mir denken? Mit einer nach innen gerichteten Wahrnehmung hat das nichts zu tun! Wer möchte so wirklich leben?

3. Schließlich ist Perfektionismus nicht der Schlüssel zu Erfolg und Leistung. Sondern es ist die Angst zu versagen, Fehler zu machen, Erwartungen nicht gerecht zu werden. Dieses Lebensgefühl steht einem Klima für gute Leistung und Kreativität diametral entgegen!

Wenn ich also das nächste Mal versuche, etwas perfekt zu machen, werde ich mich daran erinnern, dass ich mir gerade überhaupt keinen Gefallen tue. Und vielleicht kann ich dann auch mal genauer hinschauen, was ich eigentlich gerade zu vermeiden suche.

Welche Heilmittel kennt ihr gegen die Versuchung, perfekt sein zu wollen?

300 Dinge und Zeit

In der zweiten Woche von Projekt 300 war das Thema: Zeit.

Gleich an an zwei Tagen hieß es: nix aussortiert! Ich hatte keine Zeit, keine Energie, den Kopf einfach woanders. Damit hatte ich so nicht gerechnet. Es braucht eine Menge Zeit, sich von Dingen zu trennen. Denn erst muss man sich noch einmal mit ihnen beschäftigen. Brauche ich das noch? Oder: Was löst du in mir aus? Egal mit welcher Frage ich an die Dinge herangehe, es braucht Zeit, sie zu beantworten.

Aber auch darüber hinaus fordern die Dinge meine Zeit.

Dieser Gedanke ist mir nicht neu. Ich habe vage in Erinnerung, dass er mir zum ersten Mal in simplify your life begegnet ist, schon vor einigen Jahren. Aber er tritt jetzt noch mal ganz neu in den Vordergrund.

Bücher wollen gelesen werden. Das ist ihr einziger Sinn – und das braucht Zeit. Meine Zeit.

Mit meinen Woll- und Stoffvorräten kann ich aus dem Stand unzählige Projekte realisieren, ohne irgend etwas dafür besorgen zu müssen. Es ist auch wunderbar, mal eben loslegen zu können und schnell eine neue Mütze zu nähen, wenn’s grade dran ist. Aber auch das braucht Zeit – die ich viel seltener habe, als ich mir das wünsche. All diese Dinge sind physisch manifestierte To-Do-Listen, die abzuarbeiten Zeit kostet.

An einem anderen Punkt ist mir aufgegangen, wie abwegig dieses Ansammeln ist: bei meinen Podcasts. Seit Jahren habe ich diverse Kanäle abonniert, die ich höchst inspirierend finde. Immer wieder bin ich auf diese Weise auf tolle Gedanken gestoßen, ganz nebenbei. Beim Kochen, beim Spülen, beim Wäsche falten. Allerdings hat sich das ungehörte Material nach und nach angehäuft. Es macht inzwischen bestimmt an die 90 Stunden aus. Das nimmt zwar „nur“ Speicherplatz weg, ist aber auch so eine Art To-Do-Liste. Wenn’s hoch kommt, dann höre ich im Moment vielleicht eine Stunde die Woche. Also habe ich mit den angesammelten Sendungen Material für mindestens zwei Jahre! Und jede Woche kommen neue Podcasts dazu!

All das braucht Zeit. Und auch wenn davon an sich reichlich vorhanden ist – mir erscheint sie notorisch zu knapp. Vor allem seit ich Kinder habe. Aber noch viel grundsätzlicher: meine Lebenszeit ist nicht unbegrenzt. Es stellt sich die Frage: Womit will ich sie füllen? Welchen Dingen – und damit verbunden: welchen Gedanken – will ich Raum geben? Welche Gefühle will ich erleben? Pflichtgefühl? Druck? Im Sinne von: Das sollte ich mal lesen… Damit könnte ich mich auch mal beschäftigen... Das muss ich noch erledigen… Oder möchte ich meine Zeit mit Begeisterung füllen? Inspiration erleben? Neue Welten entdecken? Eigentlich ist das überhaupt keine Frage! Aber die „Dinge“ scheinen eine andere Sprache zu sprechen…

Noch viel wichtiger scheint mir aber die Frage nach dem rechten Maß zu sein. Ich kann mich für so vieles begeistern. Nur fehlt mir die Zeit dazu. Ich lese gerne, ich nähe gerne, ich höre gerne inspirierende Podcasts. Und dann stoße ich auf interessante Menschen oder neue Gedanken und besorge mir die entsprechenden Bücher… Und zack, schon wieder ein neues (geliehenes) Buch auf dem Stapel!

Wie kann ich kann meine Begeisterung leben, ohne dass sie in Zeitdruck umschlägt? Ohne dass die Themen, die mich interessieren, zu einer To-Do-Liste werden, die es abzuarbeiten gilt? Ohne dass ich ständig das Gefühl habe, einfach viel zu wenig Zeit zu haben?

Hier bin ich noch etwas ratlos…

Wie macht ihr das?

Blumenwagen

P1070998Rechtzeitig zum Rosenmontagszug ist er fertig geworden: der Blumenwagen!

Ich bin regelmäßig ganz entzückt, was unser großer kleiner Baumeister entwirft, werkelt und baut! Stunde um Stunde kann er versunken sein in seine Projekte. Manchmal schimpft er wütend vor sich hin, wenn etwas nicht klappt, wie er sich das denkt. Und immer sind seine Bauwerke großartig, zurzeit meistens streng symmetrisch, jedes höchst phantasievoll.

Ich wünsche mir so sehr, dass wir diese Kreativität und Phantasie niemals ausbremsen oder beschneiden. Sondern dass wir ihre Entfaltung unterstützen. Dass wir immer ein Gespür dafür haben, die Phantasie unserer Kinder zu nähren. Und uns selbst dadurch in Frage stellen und beflügeln zu lassen.

Das ist keineswegs selbstverständlich. Erst langsam wird mir das immer deutlicher bewusst. Ein großer Teil von gut gemeinten Bildungsangeboten überdeckt die kindliche Vorstellungskraft. Kreativität wird abgeschnitten statt genährt. Auf wirklich eindrückliche Weise zeigt das der Film Alphabet. Er ist anrührend und beklemmend zugleich. Vor gut einem Jahr habe ich ihn zum ersten Mal gesehen und er beschäftigt mich immer noch. Ein absolutes Muss für alle Eltern. Finde ich.

Ein großes Thema. Aber heute ist erst mal Karneval.

300 Dinge und Gefühle

Das Projekt 300 ist eine Woche alt. Meine erste Erkenntnis: 300 Dinge sind nicht viel! Überhaupt nicht! Im Regal stehen 55 Bücher (und noch anderer Kleinkram) weniger – aber es fällt kaum auf.

Inzwischen habe ich mehrfach gelesen, dass wir im Durchschnitt ca. 10.000 Dinge besitzen. Dann fallen 300 wirklich kaum ins Gewicht. Und ich bin mir noch nicht mal sicher, ob diese Hausnummer pro Person gilt oder pro Haushalt zu rechnen ist. Kaum auszudenken, die 10.000 bei uns mal vier zu nehmen. Gut, der Kleine besitzt wahrscheinlich bisher noch zwei bis drei Dinge weniger. Wobei, wenn ich mir seine Spielzeugkiste ansehe…  P1080046

Und das ist noch lange nicht alles! Was macht man bloß damit??? Der Kleine will ohnehin nur mit den Sachen vom großen Bruder spielen!

Zurück zu meinem Bücherregal.

Bei liebevollerleben bin ich auf die hilfreiche Frage gestoßen: Was löst du in mir aus?

Eine interessante Denkrichtung! Das ist für mich eine völlig neue Herangehensweise! Ich habe mich bisher immer gefragt: Brauche ich das noch? Oder: Könnte ich das eventuell irgendwann noch einmal brauchen? Statt dessen also in Beziehung zu den Dingen treten und sie fragen: Was löst du in mir aus?

Was ist es, was du in mir auslöst? Alles, was spontan keine Begeisterung auslöst, gehört einer kritischen Prüfung unterzogen. – Begeisterung? Die wenigsten Alltagsdinge lösen bei mir Begeisterung aus. Es gibt sie, solche Dinge, aber es sind wenige. Davon an anderer Stelle mehr.

Wenn ich vor meinen Bücherregalen stehe, dann kommt als erstes Pflichtgefühl in mir auf. Im Sinne von: Das sollte ich mal lesen. Damit sollte ich mich mal beschäftigen. Das habe ich mir schließlich selbst einmal gekauft, also war es auch mal wichtig. Oder auch: Das hat mir doch meine liebe Schwägerin geschenkt.

Aber will ich Bücher tatsächlich nur aus Pflichtgefühl lesen? Oder weil ein Buch irgendwann mal für mich interessant war? Ich lese gerne und ich bin begeisterungsfähig. Ich stoße fast jeden Tag auf neue Bücher, in die ich mich gerne vertiefen würde. Das sind aber in der Regel nicht die Bücher, die gestern oder vorgestern wichtig waren. Schließlich entwickle ich mich weiter. Und das ist gut so!

Außerdem, wer gibt vor, mit welchen Themen ich mich mal beschäftigen sollte? Natürlich gibt es Erwartungen, die an mich herangetragen werden. Themen, mit denen ich mich auskennen sollte. Aber ist meine eigene Begeisterung nicht ein besserer Kompass als mein Pflichtgefühl?

Ein weiteres Gefühl, das manche Bücher in mir auslösen, ist Angst. Mir ist bewusst geworden, dass ich viele Bücher nur deshalb aufhebe, weil ich Sorge habe, einer bestimmten Frage, Aufgabe oder Situation nicht gewappnet zu sein. Eine Frage nicht beantworten zu können. Keine kreative Idee zu haben. Dann will ich nachschlagen können. Und da ich die Fragen, Aufgaben und Situationen ja noch nicht kenne, muss ich vieles bereit halten, um nachschlagen zu können. Ist das nicht verrückt? Und das im Zeitalter des Internets! Ironischerweise weiß ich gar nicht so genau, welche genialen „Nachschlagewerke“ sich in den Tiefen meiner Bücherregale verbergen. Sie nehmen nur Platz weg und bieten dem Staub reichlich Ablagefläche. Ich werde also nicht auf die Idee kommen, sie zu konsultieren, wenn ich noch nicht einmal mehr um sie weiß. Allein diese Erkenntnis macht es mir einfacher, bestimmte Bücher zu verabschieden.

Wieder andere Bücher sind verbunden mit einer sentimentalen Erinnerung. Ich hatte z.B. Schulfächer, die ich echt gerne gemacht habe, v.a. während der Oberstufenzeit. Deutsch und Pädagogik zum Beispiel. Da habe ich viel gelesen, weit über das schulische Pensum hinaus. Meine Lehrer, aber auch viele der Bücher haben mir neue Horizonte eröffnet. Einen weiteren Rahmen, eine größere Freiheit, als je zu denken gewagt hätte. Ein paar dieser Bücher habe ich bis heute aufgehoben. Mich überkommt ein seltsames Gefühl, etwas Sentimentales, auch Dankbarkeit, wenn ich mich daran erinnere. Aber lese ich diese Bücher deshalb heute noch einmal? Diese Zeit ist über 20 Jahre her! Heute gibt es andere Gedanken, die mich herausfordern und mein Weltbild ver-rücken – und darüber freue ich mich!

Ich frage mich, was es atmosphärisch ausmacht, wenn aus meinen Bücherregalen so viel Pflichtgefühl auf mich herabschaut, durchmischt mit Angst und Sentimentalität. Ist das wirklich eine gute Umgebung zum Arbeiten? Oder ist das zu esoterisch gedacht?P1080047

Natürlich kommt bei vielen Büchern auch einfach Freude auf. Gerade bei denen, die ich in den letzten zwei, drei Jahren gelesen habe. Die mich inspiriert haben. Von denen ich begeistert bin. Die habe ich gerne noch ein Weilchen um mich. Und über manche will ich auf jeden Fall auch hier noch schreiben…

Take care for your baby

Take care for your baby! Das sagte ein von mir sehr verehrter Lehrer bei einem Seminar, das ich – höchst schwanger mit unserem ersten Kind – vor einigen Jahren besucht habe. Ich hatte mir einen zweiten Stuhl besorgt, um meine Beine hochlegen zu können. Da wir bei sommerlichen Temperaturen die ganze Zeit gesessen haben, war das dringend nötig. Neben meinem Stuhl stand eine Flasche Wasser; ich war gut versorgt.

Take care for your baby! Das galt nicht mir, sondern den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Der Seminarleiter nahm meine besonderen Umstände zum Anlass, uns alle daran zu erinnern, gut auf uns selbst zu achten. Auf unsere Bedürfnisse. Auf das, was wir brauchen. Jetzt. In diesem Moment. Das kann durchaus etwas anderes sein, als der Seminarverlauf gerade vorgibt. Daher die Aufforderung: Take care for your baby!

Beim windelfrei-Treffen ging es neulich darum, was es für uns verändert hat, mit unseren Babys windelfrei „zu machen“. Das Entscheidende dabei ist ja, die Bedürfnisse des Babys wahrzunehmen – so gut wie eben möglich – und mit ihm darüber zu kommunizieren.

Das gelingt mir unterschiedlich gut. Wenn ich mit unserem Kleinen alleine bin, klappt es phasenweise richtig gut. Sobald Familie oder Freunde um mich herum sind, fällt mir diese Art der Wahrnehmung schon deutlich schwerer. Die wenigen Male, die ich im ersten Jahr mit Baby berufliche Termine wahrgenommen habe, war meine Aufmerksamkeit aber gänzlich von anderen Dingen beansprucht. Wenn der Kleine unzufrieden war, konnte ich nicht gut unterscheiden zwischen dem Bedürfnis zu Trinken, zu Schlafen, Auszuscheiden.

Mir ist bewusst geworden, dass das nicht nur für mein Baby gilt. Das gilt auch für mich. In beruflichen Kontakten bin ich ganz stark in meiner Rolle und bei meinem Gegenüber. In gewisser Weise „funktioniere“ ich dann. Ich finde es absolut wichtig, eine angemessene professionelle Haltung zu haben, und gewisse Routinen erleichtern zweifelsfrei die Arbeit. Trotzdem überlagert das „Funktionieren“ doch sehr deutlich das Wahrnehmen meiner eigenen Bedürfnisse. Was ich wahrnehme, ist oft nur ein diffuses Gefühl, dass etwas nicht stimmt oder dass ich irgendwie unzufrieden bin. Brauche ich eine Pause? Brauche ich Schlaf (ganz großes Thema gerade!)? Einfach ein Glas Wasser? Muss ich etwas grundsätzlich korrigieren? Nicht mit Freude bei der Sache zu sein, kann ein deutliches Zeichen dafür sein, dass ein grundlegendes Bedürfnis zu kurz kommt. Ich möchte aber nicht nur „funktionieren“, schließlich bin ich keine Maschine! Ich möchte mit meiner ganzen Person bei der Sache sein. Und mit Freude!

Deshalb habe ich mir vorgenommen, mir diese Erinnerung zu Herzen zu nehmen – auch wenn ich bald wieder mehr ohne Baby unterwegs sein werde: Take care for your baby!

Wie macht IHR das? Wie sorgt IHR für euch und eure Bedürfnisse, wenn’s darum geht zu „funktionieren“?