Genesende Perfektionistin

Durch einen Podcast bin ich mal wieder auf ein tolles Buch gestoßen: Verletzlichkeit macht stark von Brené Brown. Dass Verletzlichkeit stark machen soll, klingt erst mal paradox. Schließlich fühlen wir uns alles andere als stark, wenn wir verletzt werden. Eher schwach, verwundbar, wütend, ohnmächtig. Und weil wir das lieber nicht fühlen wollen, wappnen wir uns. Wir legen einen Panzer an, wir versuchen perfekt und unangreifbar zu sein, wir betäuben Gefühle. Dummerweise kann man Gefühle nicht einseitig betäuben. Wenn wir die unangenehmen nicht fühlen wollen und überdecken – mit Kaffee, Süßkram, Alkohol, immerzu beschäftigt sein, so dass uns unser Leben nicht einholen kann… – dann schneiden wir uns genauso von den ‚angenehmen‘ Gefühlen ab. Von Freude, Liebe, Verbundenheit. Wir stehen uns selbst und einem „Leben aus vollem Herzen“, wie Brené Brown es nennt, im Weg.

Sie selbst habe sich lange gegen diese Erkenntnis gewehrt, sagt sie. Als Texanerin der fünften Generation mit dem Familienmotto „Nie ohne meine Waffe“ habe sie sich ihre Abneigung gegen Verletzlichkeit „ehrlich – und genetisch – erworben“.

Als ich die Seiten über Perfektionismus las, merkte ich: das ist mein Kapitel! Brené Brown nennt sich selbst eine „genesende Perfektionistin“, und mir ist klar: ich leide auch an dieser Krankheit! Ich habe selten eine so gute Symptomatik dieser Krankheit gelesen. Und da ich den Eindruck habe, wenn ich diese Erkenntnis verinnerliche, könnte sich das lebensverändernd auswirken, versuche ich, sie hier einmal in Worte zu fassen.

Was also ist Perfektionismus?

1. Perfektionismus ist nicht das Bestreben, exzellent zu sein, gute Arbeit zu leisten oder sich gesund weiterzuentwickeln. Sondern es ist eine Abwehrstrategie. Es geht darum, den Schmerz abzuwehren, der mit (negativer) Beurteilung und Scham einhergeht. Der Glaube, der dahinter steht: Wenn wir etwas perfekt machen, können wir uns schützen; wir müssen dann nichts Schmerzhaftes fühlen. In Wahrheit hält uns dieser Schutzschild aber davon ab, wirklich wahrgenommen zu werden, mit allem, was zu uns gehört. Etwas, das wir uns doch eigentlich sehnlichst wünschen.

2. Perfektionismus ist nicht das gesunde Bestreben, sich (selbst) zu verbessern. Dabei wäre die Wahrnehmung nämlich nach innen gerichtet. Sondern es ist der Versuch, Bestätigung zu erhalten. Das ist eine Bewegung, die nach außen gerichtet ist. Wir fragen uns: wie nehmen mich die anderen wahr? Was werden sie denken? In letzter Konsequenz heißt das auch: (Wie sehr) muss ich mich verbiegen, damit sie Gutes von mir denken? Mit einer nach innen gerichteten Wahrnehmung hat das nichts zu tun! Wer möchte so wirklich leben?

3. Schließlich ist Perfektionismus nicht der Schlüssel zu Erfolg und Leistung. Sondern es ist die Angst zu versagen, Fehler zu machen, Erwartungen nicht gerecht zu werden. Dieses Lebensgefühl steht einem Klima für gute Leistung und Kreativität diametral entgegen!

Wenn ich also das nächste Mal versuche, etwas perfekt zu machen, werde ich mich daran erinnern, dass ich mir gerade überhaupt keinen Gefallen tue. Und vielleicht kann ich dann auch mal genauer hinschauen, was ich eigentlich gerade zu vermeiden suche.

Welche Heilmittel kennt ihr gegen die Versuchung, perfekt sein zu wollen?

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