Momo und die frühkindliche Bildung

Englisch und Französisch bei der Tagesmutter! Das war die Entdeckung der Woche!

Immer noch sind wir auf der Suche nach guten Orten für unsere Kinder. Und immer deutlicher wird uns, dass wir unter „gute Orte“ etwas so ganz anderes verstehen als der Mainstream. Irgendetwas läuft doch in unserer Gesellschaft deutlich schief, wenn Tagesmütter für sich damit werben, dass sie ihre Schützlinge an zwei Fremdsprachen heranführen. Die Kinder sind in der Regel ein Jahr alt! Sie sprechen noch nicht mal ihre eigene Muttersprache!

Im Blog von Herbert Renz-Polster bin ich auf das gute alte Kinderbuch Momo gestoßen. Ich kenne es wie meine Westentasche, weil ich die Geschichte während meiner Schulzeit im Schultheater gespielt habe. In der Rolle der Momo! 🙂 Aber damals war mir natürlich nicht bewusst, wie weitsichtig Michael Ende die Entwicklung in der (früh)kindlichen Bildungslandschaft vorhergesehen hat. Immerhin ist das Buch über vierzig Jahre alt – also in Zeiten erschienen, in denen unsereins mit drei, vielleicht auch erst mit vier Jahren in den Kindergarten kam, und dann zwischen neun und zwölf Uhr ganz zweckfrei ein bisschen gebastelt und gespielt hat.

Herbert Renz-Polster hat sich die Mühe gemacht und ein paar Passagen aus Momo zusammengestellt – wer nachlesen möchte, bitte hier entlang.

Besonders schön finde ich die Passage:

Die Spiele wurden (den Kindern) von Aufsichtspersonen vorgeschrieben und es waren nur solche, bei denen sie irgendetwas Nützliches lernten. Etwas anderes verlernten sie freilich dabei und das war: sich zu freuen, sich zu begeistern und zu träumen.

Das erinnert mich nicht nur daran, dass Kindergärten immer mehr zu kleinen Schulen werden, sondern auch an das ganze pädagogisch wertvolle Spielzeug, vor dem man sich nicht mehr retten kann, sobald man Kinder hat. Heutzutage kann man ja nichts mehr kaufen, womit die lieben Kleinen einfach nur Spaß haben. Nein, jeder noch so banale Babygreifling schult immer auch das Hör- und Sehvermögen, den Tastsinn und die feinmotorischen Fähigkeiten und was sonst noch alles. Und Bilderbücher sind auch nicht mehr einfach zum Anschauen und Vorlesen da, sondern zum Klappen, Drehen, Schieben, Tasten, Hören und Riechen.

Ob die Kinder heute nicht (viel zu früh!) verlernen, sich zu freuen, zu begeistern und zu träumen, ist eine wichtige Frage, finde ich. Da geht es um mehr, als um romantische Vorstellungen. Wer sich begeistern kann, der lernt. Der ist kreativ. Und produktiv. Schöpferisch tätig, um es etwas poetischer auszudrücken. Das sind Fähigkeiten, die wir brauchen werden in einer Welt, die in ihrer Maßlosigkeit längst aus den Fugen geraten ist.

Ebenfalls bei Renz-Polster bin ich auf die bedenkenswerte Frage gestoßen, was wir eigentlich bezwecken, wenn wir unseren Kindern immer früher immer mehr funktionale Bildung angedeihen lassen. Wollen wir ihnen ermöglichen, schneller am Ziel zu sein? Aber an welchem Ziel genau? In den Chefetagen eines hochdotierten Unternehmens? In einer Sinnkrise? Im Burnout?

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2 Gedanken zu „Momo und die frühkindliche Bildung

  1. vomwachsenundwerden

    Ein wundervolles Buch, ich liebe die Passagen über die Bedeutung der Zeit und über die Fähigkeit des Zuhörens. Der Zusammenhang mit frühkindlicher Bildung ist so klar und erschreckend, das muss ich glatt nochmal nachlesen 🙂 Kennst du das Hörspiel zum Buch? Das ist so liebevoll gemacht und vermittelt den Zauber des Buches so perfekt, dass ich es am liebsten ständig verschenken würde. Sehr zu empfehlen!

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