Archiv für den Monat April 2015

Verbunden mit allem

Ich bin eingebunden in ein großes Ganzes. Verbunden mit allem. Dieses Wissen, diese Erfahrung möchte ich meinen Kindern vermitteln.

Nie zuvor habe ich diesen Gedanken so körperlich-sinnlich erfahren als auf meiner Reise in die Wüste. Vor fünf Jahren – noch bevor die Umwälzungen des arabischen Frühlings die Gegend ein ganzes Stück unsicherer gemacht haben – war ich zwölf Tage lang quer durch den Sinai unterwegs. Zwölf Tage war ich rund um die Uhr unter freiem Himmel. Ich habe vom Rücken eines Kamels aus die Felsmassive bestaunt. Ich habe zu Fuß Steigungen und Berghänge erklommen. Ich habe in der Mittagshitze einen der wenigen Schattenplätze aufgesucht. In der Nacht habe ich mit meiner Matte direkt auf dem Sandboden geschlafen. Über mir nichts als die Sterne.

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In dieser kargen und trotzdem atemberaubend schönen Landschaft habe ich mich winzig klein gefühlt, im Angesicht des Sternenhimmels ein ziemlich unbedeutender Teil dieser weiten Welt. Aber gerade diese Erfahrung war unglaublich wohltuend. Sie hat so vieles zurecht gerückt, was an Erwartungen, Vorstellungen und Verpflichtungen im Alltag auf uns einprasselt.

Natürlich war es gerade das Fehlen von äußeren Reizen und Terminvorgaben, das dazu geführt hat, die Wahrnehmung immer mehr zu verfeinern. Ich musste mich am Anfang erst in den Rhythmus der Wüste eingrooven. Die Mittagspausen dauerten mehrere Stunden. Die Beduinen lagerten sich, sie machten Feuer, sie bereiteten das Essen vor und kochten, als hätten sie alle Zeit der Welt. Hatten sie auch. Ich war es, die diese Zeit nicht zu haben glaubte. Ich war unruhig. Wollte weiter. In Bewegung sein. Es hat Tage gedauert, bis ich ruhig wurde und einfach sein konnte. Egal, ob gerade etwas passiert, ob es weiter geht oder nicht.

Sich im regelmäßigen Rhythmus eines schreitenden Kamels zu wiegen, fühlt sich majestätisch an. Die Sternbilder des Südens am nächtlichen Himmel zu entziffern, hat etwas Erhebendes. Trotzdem war diese Reise nicht einfach nur eine romantische Oase in einer sonst viel zu hektischen Welt. Gerade die Nächte brachten sehr existentielle Erfahrungen mit sich. In der ersten Nacht habe ich geflucht, weil ich mir keinen Schlafsack zugelegt hatte, der Minustemperaturen trotzt. Der Wind war so schneidend kalt, dass ich nicht wusste, wie ich die Nacht überstehen sollte, geschweige denn die ganze Reise. Als ich mich an einem anderen Abend schlafen legte, habe ich nicht weiter auf das kratzende Geräusch an meiner Plane geachtet. Am nächsten Morgen bin ich neben einem Skorpion aufgewacht. Wir sind uns nicht in die Quere gekommen, aber der Schreck ist mir so tief in die Glieder gefahren, dass er mich für den Rest der Reise nicht mehr losgelassen hat. Von diesem Moment an habe ich meinen Schlafplatz jeden Abend genauestens untersucht. Nicht dass ich die Tierspuren im Sand hätte zuordnen können – aber ich habe sie von da an immerhin wahrgenommen und mit meinen bescheidenen Mitteln die Sicherheit des Schlafplatzes eingeschätzt.

Ich bin nur ein kleiner, im Grunde ziemlich unbedeutender Teil dieser Welt. Und noch dazu ein sehr verletzlicher. Mein Leben hängt an so vielen Dingen, die ich selbst überhaupt nicht in der Hand habe: Die Wärme der Sonne. Klare Luft. Sauberes Trinkwasser und einfaches Essen. (Die Hühnersuppe, die ich in der Wüste gegessen habe, war so ziemlich das Beste überhaupt!) Ein wärmendes Feuer in der Nacht. Menschen, die sich auskennen, die die Wege und Verhältnisse für mich kennen. Unser modernes Leben nährt zu sehr die Illusion, wir wären unabhängig von allen und allem.

Nach meiner Rückkehr fühlte es sich verkehrt an, die meiste Zeit des Tages umringt von Mauern zu verbringen. Nachts in einem geschlossenen Raum zu schlafen. Ich möchte die Segnungen einer Zentralheizung nicht missen. Ebenso wenig wie die Sicherheit vor allem möglichen Krabbelgetier. Aber ein paar Tage lang fühlten sich das Dach über meinem Kopf und die Mauern rings um mich herum schlicht verkehrt an. Ich habe mich abgeschnitten gefühlt.

In der Wüste habe ich mich als Teil der Natur gefühlt. Als ein kleiner, unbedeutender Teil, aber verbunden mit allem. Nie zuvor war mir das so deutlich. Mir ist sinnlich erfahrbar geworden, wie schützenswert die Natur ist. Denn wir sind nur ein kleiner Teil von ihr. Wir leben von ihr – auch wenn uns das im Alltag selten bewusst ist. Diese Erfahrung konnte ich erst Monate oder sogar Jahre später in Worte fassen. Und noch einmal Jahre später wird mir von Tag zu Tag wichtiger, dass (unseren) Kindern dieses Verbundenheitsgefühl nicht vorenthalten bleibt.

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Wo beginnt die Natur?

Diese Frage fand ich in dem wunderbaren Buch von Nils Altner: Achtsam mit Kindern leben.

Wo beginnt die Natur? Im Stadtwald, wo an einem sonnigen Feiertag wie heute die halbe Stadt unterwegs zu sein scheint? Im Garten vor unserer Haustür? Auf der Fensterbank, wo Basilikum und Rosmarin gedeihen?

Altners verblüffende wie einleuchtende Antwort: Die Natur beginnt unter unserem T-Shirt! Wir sind Natur! Wir sind ein Teil von ihr!

Wir sind „aus Erde gemacht“, heißt es in der biblischen Schöpfungsgeschichte. Die Erde, das Wasser, die Materie unseres Körpers waren einmal Erde, Wasser, Materie an anderen Orten, irgendwo draußen in der Natur. Der irische Philosoph John O’Donohue spinnt diesen Gedanken weiter. Er meint, wir können die Nähe zu dieser Erde spüren. Wir fühlen uns zu bestimmten Gegenden hingezogen. Wir spüren eine Verwandtschaft zu bestimmten Landschaften.

So ein feines Gespür für unsere Verbundenheit mit der Erde können sich die meisten wahrscheinlich nur wünschen. Im Großen und Ganzen haben wir die Idee im Kopf, Natur ist irgendwo da draußen – und manchmal gönnen wir uns den Luxus, ein bisschen unserer kostbaren Zeit dort zu verbringen. Wir leben unser – hoch technisiertes – Leben mit all seinen Zwängen und Notwendigkeiten – und zur Erholung machen wir ab und an einen Spaziergang im Wald.

Natur ist für uns kaum mehr als unbeseelte Materie. Ein Räderwerk, in das wir immer wieder eingreifen in der Meinung, wir könnten es noch ein bisschen besser machen. Meistens ist es nur eine Frage der Zeit, dass wir feststellen, in welch gravierendem Maß wir es tatsächlich schlechter gemacht haben.

Wir haben unser Gefühl dafür verloren, dass wir verbunden sind. Eingebunden in ein großes Ganzes. Von Generation zu Generation geht dieses Verbundenheitsgefühl Stück für Stück mehr den Bach runter. Eine Frau, die eine Umwelt-AG in einer (Großstadt-)Grundschule anbietet, erzählte mir vor ein paar Tagen: Die Kinder denken, Eier kommen aus der Fabrik. Was für eine verkehrte Welt! Als wäre alles, was ist, von Menschen gemacht. Als wäre alles von Menschen machbar. Im großen Stil vergessen wir, dass wir darauf angewiesen sind, was die Erde hervorbringt.

Je mehr ich mich damit beschäftige, desto wichtiger wird mir, dass (nicht nur) meine Kinder diese Verbundenheit erfahren – auch in der Großstadt! Mir wird klar, dass das nicht kognitiv und theoretisch geht. Es geht darum zu erfahren, zu erleben, zu fühlen.

Ich glaube, das wird letztlich auch uns als Eltern nicht unberührt lassen. Je mehr ich mich damit auseinander setze, was für Kinder wichtig ist – zurzeit durch Bücher wie Mehr Matsch!, Wie Kinder heute wachsen oder Das letzte Kind im Wald? – desto mehr verändert sich mein Bild davon, was für uns als Menschen wichtig ist. Während meine Kinder wachsen, wandelt sich mein Menschenbild! Oder besser: es klärt sich. Es gewinnt an Klarheit!

Gerade jetzt, wo wir umgezogen sind und für unsere Kinder nach guten Orten suchen, wird dieses Thema für mich besonders virulent. Gute Orte für unsere Kinder zu finden oder zu schaffen, ist keine kleine Aufgabe! Mir spricht ein Satz aus Andreas Webers Mehr Matsch! aus der Seele:

Die zivilisatorische Aufgabe von heute, die in den Bildungsinstitutionen beginnt, besteht darin, „das Humane neu zu erfinden“.