Wo beginnt die Natur?

Diese Frage fand ich in dem wunderbaren Buch von Nils Altner: Achtsam mit Kindern leben.

Wo beginnt die Natur? Im Stadtwald, wo an einem sonnigen Feiertag wie heute die halbe Stadt unterwegs zu sein scheint? Im Garten vor unserer Haustür? Auf der Fensterbank, wo Basilikum und Rosmarin gedeihen?

Altners verblüffende wie einleuchtende Antwort: Die Natur beginnt unter unserem T-Shirt! Wir sind Natur! Wir sind ein Teil von ihr!

Wir sind „aus Erde gemacht“, heißt es in der biblischen Schöpfungsgeschichte. Die Erde, das Wasser, die Materie unseres Körpers waren einmal Erde, Wasser, Materie an anderen Orten, irgendwo draußen in der Natur. Der irische Philosoph John O’Donohue spinnt diesen Gedanken weiter. Er meint, wir können die Nähe zu dieser Erde spüren. Wir fühlen uns zu bestimmten Gegenden hingezogen. Wir spüren eine Verwandtschaft zu bestimmten Landschaften.

So ein feines Gespür für unsere Verbundenheit mit der Erde können sich die meisten wahrscheinlich nur wünschen. Im Großen und Ganzen haben wir die Idee im Kopf, Natur ist irgendwo da draußen – und manchmal gönnen wir uns den Luxus, ein bisschen unserer kostbaren Zeit dort zu verbringen. Wir leben unser – hoch technisiertes – Leben mit all seinen Zwängen und Notwendigkeiten – und zur Erholung machen wir ab und an einen Spaziergang im Wald.

Natur ist für uns kaum mehr als unbeseelte Materie. Ein Räderwerk, in das wir immer wieder eingreifen in der Meinung, wir könnten es noch ein bisschen besser machen. Meistens ist es nur eine Frage der Zeit, dass wir feststellen, in welch gravierendem Maß wir es tatsächlich schlechter gemacht haben.

Wir haben unser Gefühl dafür verloren, dass wir verbunden sind. Eingebunden in ein großes Ganzes. Von Generation zu Generation geht dieses Verbundenheitsgefühl Stück für Stück mehr den Bach runter. Eine Frau, die eine Umwelt-AG in einer (Großstadt-)Grundschule anbietet, erzählte mir vor ein paar Tagen: Die Kinder denken, Eier kommen aus der Fabrik. Was für eine verkehrte Welt! Als wäre alles, was ist, von Menschen gemacht. Als wäre alles von Menschen machbar. Im großen Stil vergessen wir, dass wir darauf angewiesen sind, was die Erde hervorbringt.

Je mehr ich mich damit beschäftige, desto wichtiger wird mir, dass (nicht nur) meine Kinder diese Verbundenheit erfahren – auch in der Großstadt! Mir wird klar, dass das nicht kognitiv und theoretisch geht. Es geht darum zu erfahren, zu erleben, zu fühlen.

Ich glaube, das wird letztlich auch uns als Eltern nicht unberührt lassen. Je mehr ich mich damit auseinander setze, was für Kinder wichtig ist – zurzeit durch Bücher wie Mehr Matsch!, Wie Kinder heute wachsen oder Das letzte Kind im Wald? – desto mehr verändert sich mein Bild davon, was für uns als Menschen wichtig ist. Während meine Kinder wachsen, wandelt sich mein Menschenbild! Oder besser: es klärt sich. Es gewinnt an Klarheit!

Gerade jetzt, wo wir umgezogen sind und für unsere Kinder nach guten Orten suchen, wird dieses Thema für mich besonders virulent. Gute Orte für unsere Kinder zu finden oder zu schaffen, ist keine kleine Aufgabe! Mir spricht ein Satz aus Andreas Webers Mehr Matsch! aus der Seele:

Die zivilisatorische Aufgabe von heute, die in den Bildungsinstitutionen beginnt, besteht darin, „das Humane neu zu erfinden“.

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Ein Gedanke zu „Wo beginnt die Natur?

  1. Pingback: Schönheit & Verbundenheit – marthori

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