Verbunden mit allem

Ich bin eingebunden in ein großes Ganzes. Verbunden mit allem. Dieses Wissen, diese Erfahrung möchte ich meinen Kindern vermitteln.

Nie zuvor habe ich diesen Gedanken so körperlich-sinnlich erfahren als auf meiner Reise in die Wüste. Vor fünf Jahren – noch bevor die Umwälzungen des arabischen Frühlings die Gegend ein ganzes Stück unsicherer gemacht haben – war ich zwölf Tage lang quer durch den Sinai unterwegs. Zwölf Tage war ich rund um die Uhr unter freiem Himmel. Ich habe vom Rücken eines Kamels aus die Felsmassive bestaunt. Ich habe zu Fuß Steigungen und Berghänge erklommen. Ich habe in der Mittagshitze einen der wenigen Schattenplätze aufgesucht. In der Nacht habe ich mit meiner Matte direkt auf dem Sandboden geschlafen. Über mir nichts als die Sterne.

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In dieser kargen und trotzdem atemberaubend schönen Landschaft habe ich mich winzig klein gefühlt, im Angesicht des Sternenhimmels ein ziemlich unbedeutender Teil dieser weiten Welt. Aber gerade diese Erfahrung war unglaublich wohltuend. Sie hat so vieles zurecht gerückt, was an Erwartungen, Vorstellungen und Verpflichtungen im Alltag auf uns einprasselt.

Natürlich war es gerade das Fehlen von äußeren Reizen und Terminvorgaben, das dazu geführt hat, die Wahrnehmung immer mehr zu verfeinern. Ich musste mich am Anfang erst in den Rhythmus der Wüste eingrooven. Die Mittagspausen dauerten mehrere Stunden. Die Beduinen lagerten sich, sie machten Feuer, sie bereiteten das Essen vor und kochten, als hätten sie alle Zeit der Welt. Hatten sie auch. Ich war es, die diese Zeit nicht zu haben glaubte. Ich war unruhig. Wollte weiter. In Bewegung sein. Es hat Tage gedauert, bis ich ruhig wurde und einfach sein konnte. Egal, ob gerade etwas passiert, ob es weiter geht oder nicht.

Sich im regelmäßigen Rhythmus eines schreitenden Kamels zu wiegen, fühlt sich majestätisch an. Die Sternbilder des Südens am nächtlichen Himmel zu entziffern, hat etwas Erhebendes. Trotzdem war diese Reise nicht einfach nur eine romantische Oase in einer sonst viel zu hektischen Welt. Gerade die Nächte brachten sehr existentielle Erfahrungen mit sich. In der ersten Nacht habe ich geflucht, weil ich mir keinen Schlafsack zugelegt hatte, der Minustemperaturen trotzt. Der Wind war so schneidend kalt, dass ich nicht wusste, wie ich die Nacht überstehen sollte, geschweige denn die ganze Reise. Als ich mich an einem anderen Abend schlafen legte, habe ich nicht weiter auf das kratzende Geräusch an meiner Plane geachtet. Am nächsten Morgen bin ich neben einem Skorpion aufgewacht. Wir sind uns nicht in die Quere gekommen, aber der Schreck ist mir so tief in die Glieder gefahren, dass er mich für den Rest der Reise nicht mehr losgelassen hat. Von diesem Moment an habe ich meinen Schlafplatz jeden Abend genauestens untersucht. Nicht dass ich die Tierspuren im Sand hätte zuordnen können – aber ich habe sie von da an immerhin wahrgenommen und mit meinen bescheidenen Mitteln die Sicherheit des Schlafplatzes eingeschätzt.

Ich bin nur ein kleiner, im Grunde ziemlich unbedeutender Teil dieser Welt. Und noch dazu ein sehr verletzlicher. Mein Leben hängt an so vielen Dingen, die ich selbst überhaupt nicht in der Hand habe: Die Wärme der Sonne. Klare Luft. Sauberes Trinkwasser und einfaches Essen. (Die Hühnersuppe, die ich in der Wüste gegessen habe, war so ziemlich das Beste überhaupt!) Ein wärmendes Feuer in der Nacht. Menschen, die sich auskennen, die die Wege und Verhältnisse für mich kennen. Unser modernes Leben nährt zu sehr die Illusion, wir wären unabhängig von allen und allem.

Nach meiner Rückkehr fühlte es sich verkehrt an, die meiste Zeit des Tages umringt von Mauern zu verbringen. Nachts in einem geschlossenen Raum zu schlafen. Ich möchte die Segnungen einer Zentralheizung nicht missen. Ebenso wenig wie die Sicherheit vor allem möglichen Krabbelgetier. Aber ein paar Tage lang fühlten sich das Dach über meinem Kopf und die Mauern rings um mich herum schlicht verkehrt an. Ich habe mich abgeschnitten gefühlt.

In der Wüste habe ich mich als Teil der Natur gefühlt. Als ein kleiner, unbedeutender Teil, aber verbunden mit allem. Nie zuvor war mir das so deutlich. Mir ist sinnlich erfahrbar geworden, wie schützenswert die Natur ist. Denn wir sind nur ein kleiner Teil von ihr. Wir leben von ihr – auch wenn uns das im Alltag selten bewusst ist. Diese Erfahrung konnte ich erst Monate oder sogar Jahre später in Worte fassen. Und noch einmal Jahre später wird mir von Tag zu Tag wichtiger, dass (unseren) Kindern dieses Verbundenheitsgefühl nicht vorenthalten bleibt.

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