Archiv für den Monat September 2015

Die Farbe blau

iwR_blauWeniger erklären – mehr wahr-nehmen – in den Worten des Benediktinermönchs und Weisheitslehrers David Steindl-Rast hört sich das so an:

Wir sagen „blau“. Aber was heißt schon „blau“? Wir schauen ja kaum hin. Wir kleben dem Ding nur schnell eine Freimarke auf. Fertig. Wir drücken ihm einen Stempel auf: „Blau. – Erledigt. Nächste Nummer!“

Was unser Verstand mit kalter Ungenauigkeit blau nennt, das kennt unter Herz als die Farbe von Taubenflügeln und Wiesenenzian, von Stahl und Lavendel, von kleinen Schmetterlingen, die am Feldweg um eine Pfütze tanzen, und vom Sommerhimmel, der sich im Braun der Pfütze dennoch blau spiegelt. Das Kind in uns weiß noch, wie viel tausenderlei Blau es gibt.

Das Kind in uns ist Dichter. Unser Herz bleibt zeitlebens dichterisch, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Und Dichter wissen, wie vielschichtig, wie nahezu unerschöpflich das ist, was wir so einfachhin „blau“ nennen.

David Steindl-Rast, Achtsamkeit des Herzens

Magie des Alltags

Eines der Prinzipien des spiritual parenting lautet: Add Magic to the Ordinary.

Am Anfang steht die eher traurige Feststellung: „Our society works to educate the wonder out of children.“ Wir lehren unsere Kinder Zahlen, Daten, Fakten, aber wir erlauben ihnen nicht, das Leben in seiner Buntheit und Faszination zu erleben. Wie schnell sind wir dabei, zu erklären, wie etwas heißt oder funktioniert, anstatt einfach nur zu wahrzunehmen und zu staunen.

Mir ist bei der Lektüre noch einmal deutlicher geworden, wie ich mit meinen Kindern durch die Welt gehen möchte: weniger erklären – mehr wahr-nehmen! Das heißt ganz konkret, wirklich die Sinne zu benutzen. Nicht nur Worte, die etwas beschreiben oder erklären. Sondern so genau wie möglich zu beobachten, zuzuhören, zu riechen, zu schmecken, zu fühlen. Nicht von ungefähr kommt die spirituelle Weisheit, dass man über die Erfahrung der Sinne zur Erfahrung von (Lebens)Sinn kommt.

Auf diese Weise sind wir in der letzten Woche wirklich auf ein kleines Wunder gestoßen. Beim Waldspaziergang haben wir auf dem Boden Bucheckern gefunden. Ich wollte den Kindern gerne eine der ‚Nüsse‘ zu probieren geben, aber in keiner einzigen Hülle war etwas zu finden. Alle waren leer. In der Hoffnung, ein geschlossenes Exemplar zu finden, habe ich eine Buchecker von einem niedrig hängenden Ast gepflückt. Aber was wir da zu sehen bekamen, hat wirklich keiner von uns erwartet. In der schon geöffneten Hülle hockten sechs bis acht Marienkäfer unterschiedlicher Farbschattierungen aufeinander. „BOAAA, guck mal! Eine Marienkäferwohnung!!!“ Ich liebe es, wenn die Begeisterung meines großen Kleinen sich so lautstark Bahn bricht. Von dem Moment an waren wir ganz Aug und Ohr. Die Marienkäfer, zuerst noch ganz ruhig, fingen an sich zu bewegen und durcheinander zu krabbeln. Der ein oder andere krabbelte über unsere Finger. Mit einem Mal, ganz unerwartet, breitete er seine Flügel aus und flog einem unbekannten Ziel entgegen.

„Weniger erklären – mehr wahr-nehmen“ ist eine gutes Mantra, das mir hilft, mich zu fokussieren und mich daran zu erinnen, meine Sinne zu benutzen. Denn so findet man im Alltag wirklich magische Augenblicke.

52d20-6a0120a791de49970b01b8d12afe98970c-pi

Wieder ein Grünzeug-Beitrag bei naturkinder.

Nachtrag: Die Farbe blau