Mit einer Aufgabe geboren

Zu den größten Inspirationen der vergangenen zwei Jahre zählen für mich die Bücher von und die Begegnung mit Sobonfu Somé. Die Lehrerin afrikanischer Weisheit und Spiritualität stammt aus Westafrika, aus Burkina Faso. Es ist eines der ärmsten Länder der Welt, aber es ist unermeßlich reich an spirituellen Traditionen. Einige davon bringt Sobonfu Somé durch ihre Bücher und ihre Workshops in die westliche Welt. Denn genau das ist ihre Lebensaufgabe. Sie ist die „Hüterin der Rituale“, wie ihr Name übersetzt heißt.

Als ich zum ersten Mal davon gelesen habe, hat mich das gleich fasziniert. Die Dagara – der Stamm, dem Sobonfu Somé angehört – gehen davon aus, dass jedes Kind mit einer Aufgabe in diese Welt kommt. Es hat eine Bestimmung, eine Berufung, ein Lebensziel. Es bringt Gaben mit, die für die Gemeinschaft wichtig sind. Noch in der Schwangerschaft wird ein Ritual durchgeführt, um von dieser Lebensaufgabe zu erfahren. Die Schwangere wird in Trance versetzt und durch die Ältesten befragt. Die Mutter des Kindes gibt so die Bestimmung und die Aufgabe des kommenden Wesens weiter. Das Lebensziel findet seinen Niederschlag im Namen des Kindes, so dass seine Aufgabe immer präsent ist. In Kindheit und Jugend erhält es alle Unterstützung, die es braucht, um seine Gaben entfalten und in die Gemeinschaft einbringen zu können.

Mich hat das ungeheuer beeindruckt. Welcher Respekt und welche Ehrfurcht vor dem Wesen jedes einzelnen Menschen stehen dahinter! Welche Verantwortung und welcher Gemeinschaftssinn, jeden Neuankömmling darin zu unterstützen, seinen Platz im Leben zu finden!

Und welch ein Unterschied zu der Art und Weise, wie wir in unserer westlichen Welt ins Leben starten! Wir werden als eine tabula rasa betrachtet und in den ersten (sechzehn bis neunzehn!) Jahren mit quasi neutralem Wissen gefüttert. Mit 40 suchen wir dann unsere midlife-vision und investieren viel Geld und Coaching-Sitzungen, um unsere Berufung zu finden.

Gleichzeitig hat mich dieser Gedanke neugierig gemacht. Kennen wir denn nichts Vergleichbares? Gibt es in unserer Tradition kein Wissen um eine Lebensaufgabe, mit der wir geboren werden? Und ich bin unverhofft fündig geworden! In den christlichen Erzählungen findet sich gleich zwei Mal der Bericht von noch ungeborenen Kindern, die mit einer besonderen Aufgabe in die Welt kommen. In diesen Tagen hat man sie vielleicht gerade wieder mal gehört. Hier ist es kein Ritual mit Gesang, Trommeln und Trance, das die Lebensaufgabe offenbart. Es ist ein Engel, der die Botschaft überbringt. Gabriel. Er übermittelt Botschaften aus einer anderen Wirklichkeit. Und Empfänger sind jeweils die Eltern. Einmal ist es der Vater, Zacharias. Er erfährt von Gabriel, dass er einen Sohn haben wird und dessen Bestimmung wird sein, „die Herzen der Väter den Kindern zuzuwenden“! Wie wunderbar! Und die zweite Geschichte, nun, das ist die bekanntere: Gabriel stattet Maria einen Besuch ab und kündigt auch hier die Geburt eines Sohnes an. Er wird „heilig“ sein und „Kind Gottes“ genannt werden und eine Herrschaft antreten, die niemals aufhören wird.

Mit einer Aufgabe geboren. Vielleicht sind diese beiden Kinder, von denen hier die Rede ist, zu besonders, um diesen Gedanken auf alle Menschen auszuweiten? Vielleicht haben wir unsere Verbindung zu Engeln, zu unserer Intuition, zu unserer spirituellen Weisheit verloren? Vielleicht fehlen uns wirkmächtige Rituale und die Unterstützung einer Gemeinschaft, um damit in Berührung zu kommen? Mich lässt der Gedanke jedenfalls nicht mehr los, und ich werde ihm auf der Spur bleiben!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s