Vor-Freude

Im Garten faszinieren mich derzeit zwei Dinge:

Zum einen die Explosion des Wachstums. Gerade noch war alles kahl und wie tot. Da schieben sich vorsichtig die ersten Blättchen aus dem Nichts, fein zusammengefaltet wie eine Zieharmonika. Und mit einem Mal ist alles üppig grün und über und über mit Blüten bedeckt. Zwischen den ersten Blättchen steckt in den vielen Knospen die Verheißung einer süßen Ernte. Johannisbeeren, Holunderbeeren, Äpfel.

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Mir läuft schon das Wasser im Mund zusammen. Und ich freue mich schon darauf, wenn es in unserem Kühlschrank wieder so aussieht und wir an heißen Tagen unseren Durst mit kühlem Holunderblütensirup stillen.

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Das zweite, was mich fasziniert, ist das Wesen der Pflanzen. Seit ich so dies und das über Wildkräuter in Erfahrung gebracht habe, ist das Grün um mich herum nicht mehr einfach nur grün. Ich erkenne mehr und mehr Pflanzen und freue mich darüber, wie wertvoll sie sind und in welches Süppchen sie wandern könnten. Für unsere Vorfahren waren die grünen Gewächse am Wegesrand aber weit mehr als einfach nur Grünzeug. Sie hatten wirklich ein eigenes Wesen.

Der Holunder zum Beispiel. Es ist der Baum der Frau Holle. Jede(r) von uns kennt das Märchen von den beiden Stiefschwestern, die bei ihr in die Lehre gehen – mit ganz unterschiedlichem Erfolg. Frau Holle wurde einst als Göttin verehrt, die die Herrschaft über die Jahreszeiten, das Wetter und die Jenseitswelt innehat. Dass mit ihr und ihren Gesetzen nicht zu spaßen ist, zeigt, das Märchen. Aber auch, dass von ihr zu lernen reichen Segen mit sich bringt.

Der Holunder ist Frau Holles Baum, und er galt als Zugang zu ihrem Reich. Er schafft Verbindung mit dem Erdreich und Zugang zu einem anderen Bewusstsein. Und so wie die Göttin selbst ist auch der Baum zweischneidig: Er ist weiß (Blüte) und schwarz (Beere), er ist giftig und heilend, reinigend und nährend. Aus den Blättern oder den jungen Trieben wurde ein Trank hergestellt, der Durchfall oder Erbrechen hervorruft und auf diese Weise Krankheiten vertreiben soll. Die gleiche Wirkung haben die Beeren, wenn man sie roh zu sich nimmt. Wird der Saft aber abgekocht, ist er aufgrund seines hohen Gehalts an Vitamin C und B stärkend für das Immunsystem. Und ein Aufguss aus den Blüten wirkt entgiftend, entzündungshemmend und stärkt die Abwehrkräfte.

Es gab viele Bräuche rund um den Holunderbaum, gerade weil er als Tor zu einer anderen Welt galt. Einer gefällt mir ganz besonders: Frauen, die schwanger werden wollen, sollen den Holunder küssen. (Das alleine wird nicht ausreichen, aber wer weiß, helfen kann es vielleicht schon… 😉 )

Von diesen Wurzeln sind wir heute gänzlich abgeschnitten. Ich bedauere das, denn es macht unsere Wahrnehmung der Welt ein ganzes Stück ärmer. Ich schaue auf jeden Fall auf den Holunder in unserem Garten inzwischen mit ganz anderen Augen!

Meine grüne Sonntagsfreude!

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