Kopernikanische Wende (GfK #2)

Meine Begeisterung für die gewaltfreie Kommunikation (GfK) wächst von Tag zu Tag und von Wort zu Wort, das ich von Marschall Rosenberg lese. Was gerade geschieht, ist nicht weniger als eine kopernikanische Wende in meiner Wahrnehmung! Es ist die Wendung von außen nach innen, vom Du zum Ich.

Aber mal langsam. Worum geht es genau?

Ich erinnere mich noch gut, wie ich an einem Wochenmantra in meinem artgerecht-Planer hängen geblieben bin. Es ging darum, wie wichtig für Kinder die Botschaft ist: „Du bist nicht schuld!“ Kinder beziehen alles auf sich selbst, deshalb ist es so wichtig, sie zu entlasten. Zum Beispiel: Ich bin grad total genervt, aber du bist nicht schuld!

So weit, so gut! Aber wie soll das bitte schön funktionieren, wenn es sich gerade genau so anfühlt: Ich bin total genervt, und das ist absolut deine Schuld!!! Eine typische Situation: wenn wir morgens aus dem Haus gehen. Wir sind ohnehin spät dran, ich habe schon siebenundzwanzig Mal gerufen: Kommt, Schuhe anziehen! – ohne Reaktion – und habe ich die Kinder endlich im Flur versammelt, wird plötzlich alles zum Drama! Das Schildchen im T-Shirt zwickt, die Socken sind falsch, wir finden die Handschuhe nicht (ja, die braucht Kind auch im Mai!) und die Diskussion, warum wir nicht mit dem Auto, sondern mit dem Fahrrad zur KiTa fahren, beginnt jeden Morgen von vorn. Und endet mit Gebrüll! Ich bin fertig mit den Nerven, stehe total unter Druck, weil ich schon wieder zu spät zur Arbeit komme und würde die Kinder am liebsten kurz und klein brüllen. Ja: Ich bin total genervt, und das ist absolut deine Schuld!!!

So fühlte sich das bisher an. Inzwischen habe ich etwas Entscheidendes verstanden! Nämlich wie Gefühle und Bedürfnisse zusammen hängen. Meine Gefühle entstehen nicht, weil jemand anderes etwas falsch macht. Meine (unangenehmen) Gefühle zeigen an, dass eine Lücke besteht zwischen der aktuellen Situation und meinen Bedürfnissen. Nicht mein Gegenüber ist schuld daran, wie ich mich fühle, sondern meine unerfüllten Bedürfnisse melden sich in den Gefühlen zu Wort.

Die Formulierung: Ich bin genervt, weil du dies und das tust! wird mit Hilfe der GfK nur minimal verändert, aber mit großer Wirkung: Ich bin genervt, weil ich dies und das brauche! In meinem Fall: Ich bin genervt, weil ich pünktlich sein möchte und mir für unseren Start in den Tag mehr Leichtigkeit wünsche! Und da geht es nicht in erster Linie um sprachliche Feinheiten. Es geht um eine ganz andere Wahrnehmung! Habe ich den Blick auf dem (angeblichen Fehl-)Verhalten des andern oder richte ich meine Wahrnehmung auf meine eigenen Bedürfnisse?

Diese neue Wahrnehmung allein führt noch nicht dazu, dass bei uns morgens alles fluppt. Trotzdem ändert sie unendlich viel:

1. Es entspannt, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Dieser kleine Moment an Selbst-Empathie ist ungeheuer hilfreich: Warum fühlt sich gerade alles so verkehrt an? Genau, weil es mir wichtig ist, pünktlich und verlässlich zu sein. Und weil ich mir Leichtigkeit in unserem Zusammenleben wünsche. Ich bin in Kontakt mit mir selbst und dadurch ein ganzes Stück gelassener.

2. Ich schaue milder auf meine Kinder – oder wer auch immer gerade mein Gegenüber ist. Wenn ich im Vorwurfs-Modus bin, ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir eine gute Lösung finden, relativ gering. Im Gegenteil, die Eskalation ist eigentlich schon vorprogrammiert. Wenn ich aber in Kontakt bin mit dem, was ich gerade brauche, bin ich offener, nach Wegen zu suchen, die für uns alle funktionieren. Und dann ist es tatsächlich möglich, die Kinder zu entlasten: Ich bin grad total genervt, aber du bist nicht schuld!

Meine Erkenntnis dreht sich letztlich darum, ein Personalpronomen und den Bezugsrahmen auszutauschen. Nicht mehr: Ich fühle …, weil du … tust (Verhalten des anderen). Statt dessen: Ich fühle …, weil ich … brauche (eigene Bedürfnisse).

Das schreibt sich so einfach, ist aber alles andere als leicht. Ich bin diese Art der Wahrnehmung nicht gewohnt. Ich habe sie schlicht nicht gelernt. Deshalb fühlt sie sich für mich mindestens wie eine kopernikanische Wende an. Ob diese Erkenntnis tatsächlich eine entscheidende Wende in meiner Kommunikation bedeutet – das muss die Zeit erst noch zeigen…

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4 Gedanken zu „Kopernikanische Wende (GfK #2)

  1. vomwachsenundwerden

    Hallo Katja, danke für diese weiteren Einblicke und Inspirationen! Ich glaube, mit dem Herrn Rosenberg muss ich mich doch mal eingehender beschäftigen. (Kannst du ein Buch oder eine Seite als Einstieg empfehlen?)
    Die Unterscheidung zwischen Gefühl, Bedürfnis und „Schuld“ erscheint mir für mich selbst, aber auch für ein befreundetetes Paar, das gerade große Beziehungs- und Kommunikationsprobleme hat, von elementarer Bedeutung zu sein. Schade, dass man solche wichtigen Dinge erst so spät lernt, aber wie gut, dass man mit jedem neuen Tag noch dazu lernen kann! Herzliche Grüße aus Berlin, Katharina

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  2. inwachsendenringen Autor

    Hallo Katharina! Ich kann unbedingt Marshall Rosenbergs Hauptwerk, Gewaltfreie Kommunikation, empfehlen. Das ist sehr klar und auf den Punkt gebracht. All die vielen anderen Publikationen rund um die GfK sind letztlich nur Variationen des ursprünglichen Vierklangs Beobachtung – Gefühle – Bedürfnisse – Bitte.
    Ja, diese Grundunterscheidungen sind wirklich sehr hilfreich. Wobei es zweierlei Paar Schuhe sind: sie zu kennen auf der einen Seite und sie verinnerlichen und mit Leben zu füllen auf der anderen!
    Und mich bewegt gerade auch die Frage: warum lernen wir so viele wesentliche Dinge nicht? Warum gibt es keinen Geografieunterricht für innere Seelenlandschaften? Das wäre so dringend nötig! Und gleichzeitig tut sich auf diesem Feld so viel, dass ich ganz hoffnungsvoll bin, dass wir auf einem guten Weg sind!
    Lieben Gruß, Katja

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    1. vomwachsenundwerden

      Liebe Katja, hab nochmal großen Dank für deine Inspiration, mich mit der Gewaltfreien Kommunikation ganz neu auseinander zu setzen. Der Begriff „Kopernikanische Wende“ trifft es sehr gut; Rosenbergs Ansatz stellt so viele selbstverständliche Denkmuster auf den Kopf; ich denke an vielen seiner Sätze seit Tagen schon herum. DANKE dafür! Katharina

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      1. inwachsendenringen Autor

        Hallo Katharina, das freut mich natürlich sehr! Ich bin schon gespannt, was du dazu schreiben wirst! Es stimmt schon: Rosenberg ist ein Quer-Denker, und er stellt manches vom Kopf auf die Füße. Das ist so herausfordernd und gleichzeitig wohltuend! Lieben Gruß, Katja

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