Archiv der Kategorie: Bildung

Bilderbücher zum Schulanfang

Ob als Geschenk für die Schultüte oder zur Vorbereitung auf den ersten Schultag: hier stelle ich meine Lieblings-Bilderbücher rund um den Schulanfang vor. Die meisten davon gibt es auch in einer kleinen Mini-Ausgabe, damit sie auch wirklich in die Schultüte passen.

US_Baltscheit, Loewe_15.3.12_7er_umschlag.qxpFür unseren Schulanfänger habe ich die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte gekauft. Da geht es überhaupt nicht um die Schule, aber sehr wohl darum, warum es sich lohnt, schreiben zu lernen. Ein Löwe hat sich verliebt – in eine Löwendame, die lesen kann. Da darf man nicht einfach drauf los brüllen, man muss vorher einen Brief schreiben. Aber der Löwe kann nicht schreiben und muss sich Hilfe holen. Nur leider verstehen Affen, Nilpferde und die anderen Tiere nicht viel von Löwendamen. Sie schreiben zwar den Brief, aber sie laden die Löwendame ein, auf Bäume zu klettern oder nach Algen zu tauchen. Der Löwe ist verzweifelt… Natürlich gibt es schließlich ein Happy End. Und am Ende bringt ihm die Löwendame selbst das Lesen bei. Sehr witzig – gefällt Kindern wie Eltern!

Randerath_FipsAuch das nächste Buch hat mit Schule nichts zu tun. Es ist die Geschichte vom Bau der Arche Noah, aber als geniales ABC-Buch, großartig gereimt von James Krüss: ABC, ABC, Arche Noah sticht in See. (Fast) jedem Buchstaben ist eine Seite gewidmet. So gut wie alle Worte fangen mit dem gleichen Buchstaben an, und am Ende der Zeile reimt sich das ganze auch noch. Man kommt ins Staunen darüber, welche Tiere der Autor sich zum jeweiligen Buchstaben hat einfallen lassen: „Wülmaus, Wurm und Weinbergschnecke, … Wiesel, Wölfe, Wasserböcke, … Wachteln und zwei weiße Tauben, Wiedehopf und Wendehals…“ Beim Vorlesen braucht es etwas Zungenfertigkeit, aber wenn man einmal gut im Rhythmus ist, kommt es super über die Lippen. Die schönen Illustrationen von Günther Jakobs machen das Buch zu einem richtigen Vergnügen.

Aktuell gibt es dieses Büchlein übrigens auch als Maxi-Pixi, zusammen in einem Bundle mit den schönen Gebet-Büchlein von Ernst Grosche.

Scheffler_Frau Hoppe_US_Enturf01.inddWenn die Aufregung vorm ersten Schultag groß ist, dann eignet sich zur Vorbereitung prima Frau Hoppes erster Schultag. Henriette Hoppe hat nämlich auch Angst vorm ersten Schultag – nur ist sie die Lehrerin! Ihr passieren lauter Missgeschicke: sie hört morgens den Wecker nicht, sie weiß nicht, was sie anziehen soll, und verfährt sich auf dem Weg in die Schule. Und als sie endlich da ist, geht auch noch ziemlich viel schief. Aus dieser verdrehten Perspektive werden die Sorgen, wie denn in der Schule nun alles werden soll, liebevoll auf den Punkt gebracht und mit Humor aufgelöst. Illustrator ist übrigens Grüffelo-Zeichner Axel Scheffler.

9783522432306Ein Klassiker zum Schulanfang ist Der Ernst des Lebens von Sabine Jörg: Annette weiß nicht, was das bedeuten soll, aber alle sagen zu ihr: „Wenn du sechs wirst, kommt der Ernst des Lebens.“ Wie sieht er denn aus, der Ernst des Lebens? Ist es ein Monster, das auf dem Geburtstagstisch sitzt und alle Geschenke auffrisst? An ihrem ersten Schultag lernt sie ihn endlich kennen. Ein Junge teilt mit ihr die Bank, er leiht ihr seine Stifte und überhaupt wird er ihr bester Freund. Und nun ratet mal, wie er heißt! – Ernst!

9783407773005Auf den ersten Blick ganz witzig fand ich auch Wenn die Ziege schwimmen lernt: „Es gab einmal eine Zeit, da gingen die Tiere in die Schule. Und alle lernten schwimmen, fliegen, rennen und klettern. – Wirklich alle?“ Anfangs war die Ente Klassenbeste im Schwimmen. Aber weil sie sich beim Klettern-Üben so überanstrengt hat, geht ihr auch beim Schwimmen die Puste aus. Und auch dem Pferd will es einfach nicht gelingen, einen Baumstamm hoch zu klettern, wo doch der Affe so einen Spaß daran hat. Während die Tiere schier endlos üben, was sie am wenigsten können, geht ihnen die Kraft aus für das, was ihr eigentliches Element ist. Am Ende lassen die Tiere Schule Schule sein und machen einfach das, wofür sie geschaffen sind.

Die Botschaft ist klar und schön: Nicht jeder muss alles können und schon gar nicht gleich gut. Jeder hat seine Stärken, und die zu leben, macht seine Schönheit aus. Allerdings lässt dieses Buch einen bitteren Beigeschmack zurück. Denn genau darauf ist unser klassisches Schulsystem ja nicht ausgelegt. Hier sollen alle das Gleiche lernen, möglichst gleich gut und immer zur gleichen Zeit. Stärken hin oder her. Und bei Schwächen muss eben eine besondere Förderung her. Eigentlich ist dieses Buch ein Plädoyer für unschooling oder aber für demokratische Schulen (darüber gibt es hier einen wunderbaren Film!!!): jedes Kind lernt, was es will und wann es das will. Und was dabei heraus kommt, sind wunderbare, starke, inspirierende Persönlichkeiten. Unglaublich, aber wahr!

Wie viel davon die Schule hat, auf der unser Großer startet, kann ich noch nicht genau einschätzen. Aber ich bin unglaublich gespannt und freue mich auf diese Reise, die jetzt beginnt!

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Magie des Alltags

Eines der Prinzipien des spiritual parenting lautet: Add Magic to the Ordinary.

Am Anfang steht die eher traurige Feststellung: „Our society works to educate the wonder out of children.“ Wir lehren unsere Kinder Zahlen, Daten, Fakten, aber wir erlauben ihnen nicht, das Leben in seiner Buntheit und Faszination zu erleben. Wie schnell sind wir dabei, zu erklären, wie etwas heißt oder funktioniert, anstatt einfach nur zu wahrzunehmen und zu staunen.

Mir ist bei der Lektüre noch einmal deutlicher geworden, wie ich mit meinen Kindern durch die Welt gehen möchte: weniger erklären – mehr wahr-nehmen! Das heißt ganz konkret, wirklich die Sinne zu benutzen. Nicht nur Worte, die etwas beschreiben oder erklären. Sondern so genau wie möglich zu beobachten, zuzuhören, zu riechen, zu schmecken, zu fühlen. Nicht von ungefähr kommt die spirituelle Weisheit, dass man über die Erfahrung der Sinne zur Erfahrung von (Lebens)Sinn kommt.

Auf diese Weise sind wir in der letzten Woche wirklich auf ein kleines Wunder gestoßen. Beim Waldspaziergang haben wir auf dem Boden Bucheckern gefunden. Ich wollte den Kindern gerne eine der ‚Nüsse‘ zu probieren geben, aber in keiner einzigen Hülle war etwas zu finden. Alle waren leer. In der Hoffnung, ein geschlossenes Exemplar zu finden, habe ich eine Buchecker von einem niedrig hängenden Ast gepflückt. Aber was wir da zu sehen bekamen, hat wirklich keiner von uns erwartet. In der schon geöffneten Hülle hockten sechs bis acht Marienkäfer unterschiedlicher Farbschattierungen aufeinander. „BOAAA, guck mal! Eine Marienkäferwohnung!!!“ Ich liebe es, wenn die Begeisterung meines großen Kleinen sich so lautstark Bahn bricht. Von dem Moment an waren wir ganz Aug und Ohr. Die Marienkäfer, zuerst noch ganz ruhig, fingen an sich zu bewegen und durcheinander zu krabbeln. Der ein oder andere krabbelte über unsere Finger. Mit einem Mal, ganz unerwartet, breitete er seine Flügel aus und flog einem unbekannten Ziel entgegen.

„Weniger erklären – mehr wahr-nehmen“ ist eine gutes Mantra, das mir hilft, mich zu fokussieren und mich daran zu erinnen, meine Sinne zu benutzen. Denn so findet man im Alltag wirklich magische Augenblicke.

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Wieder ein Grünzeug-Beitrag bei naturkinder.

Nachtrag: Die Farbe blau

Kleine Wasserforscher

Da werden Kindheitserinnerungen wach! Mit einem Kescher und einem Fünf-Liter-Glas im Gepäck sind wir gestern in den Wald gezogen. In einem Teich hatten wir Kaulquappen entdeckt. Mit dabei waren Opa, Cousine und Cousin unserer Kinder. Mein Neffe, fast sechzehn, hatte mit dem Smartphone müde abgewunken, als wir ihn gefragt haben, ob er mitkommt. Als es los ging, stand er auf einmal neben uns, die Turnschuhe an den Füßen.

in-wachsenden-ringen_quappe1P1080688P1080691in-wachsenden-ringen_quappen4P1080694P1080674Die Begeisterung der Kinder war im ganzen Waldstück zu hören: „Ich seh eine! DA!!! Eine Kaulquappe! Kommt schnell, hier sind ganz viele! Guck mal! BOA!!! …“ Selbst mein Neffe war plötzlich auf allen Vieren und nicht weniger gebannt als unser Vierjähriger. Und unser großer Kleiner hat es sich nicht nehmen lassen, den Kescher selbst zu führen. Dass dem Cousin oder der Cousine ein paar zappelnde Tiere ins Netz gingen, reichte ihm nicht. Er wollte selbst einen Fang machen. Vor lauter Aufregung purzelten ihm die Konsonanten im Mund durcheinander: „Eine Kaulklappe! Guck mal, da ist eine Sibelle!“

Ich selbst war hin und her gerissen. Auf der Stelle war ich genauso fasziniert, wie ich es aus Kaulquappenfangtagen meiner Kindheit kenne. Gebannt habe ich ins Wasser gestarrt und mich gefreut über jedes Tier, das ich aus der Nähe zu sehen bekam. Dann stand ich wieder neben der Szene, war Beobachterin und einfach nur glücklich über das Glück der Kinder.

Aber Vorsicht! Amphibien stehen unter Naturschutz! Es ist nicht erlaubt, Kaulquappen aus Gewässern zu entnehmen und sie – wie wir das als Kinder gemacht haben – im Einmachglas auf die Fensterbank zu stellen. Noch nicht einmal zu Bildungszwecken unter fachkundiger Aufsicht werden hierfür Ausnahmegenehmigungen erteilt, wie dieser Fall zeigt. Kinder bekommen einen ganz anderen Bezug zu Amphibien, wenn sie deren Entwicklung mit eigenen Augen beobachten, haben die Befürworter argumentiert. Aber der Naturschutz steht im Vordergrund, so die Behörden.

Grundsätzlich ist das ja richtig! Trotzdem stellt sich die Frage, unter welchem Vorzeichen Kinder eigentlich mit der Natur in Berührung kommen. Ist es vor allem die Gefährdung, die Bedrohung, die Schutzwürdigkeit? So sehr, dass man besser gar nicht raus geht, um nichts kaputt zu machen? Und die Umwelt dann mehr oder weniger nur aus Büchern kennt? Vielleicht ist das übertrieben so, doch der Gedanke an sich ist ernst zu nehmen, finde ich! In Andreas Webers Buch Mehr Matsch! findet sich die Überlegung: Wenn Kinder die Natur vor allem von ihrer bedrohten Seite her kennen lernen, bleibt ihnen eine ganz elementare Erfahrung verschlossen. Eine Erfahrung, die nur aus der unmittelbaren Begegnung entsteht, wenn wir durch die Wiesen streifen oder ganz unbefangen Kaulquappen nachstellen, so wie in meiner Kindheit. Es geht um die Grunderfahrung: Leben setzt sich durch! Und damit um ein Grundvertrauen ins Leben.

Wir haben es mit unserem Froschnachwuchs so gehalten: kurzfristig sind die gefangenen Kaulquappen in unser Glasgefäß gewandert. So konnten wir sie aus nächster Nähe bestaunen und studieren. Nach kurzer Zeit aber haben wir sie wieder in die Freiheit entlassen.

52d20-6a0120a791de49970b01b8d12afe98970c-piWieder einmal verlinkt bei naturkinder.

Wo beginnt die Natur?

Diese Frage fand ich in dem wunderbaren Buch von Nils Altner: Achtsam mit Kindern leben.

Wo beginnt die Natur? Im Stadtwald, wo an einem sonnigen Feiertag wie heute die halbe Stadt unterwegs zu sein scheint? Im Garten vor unserer Haustür? Auf der Fensterbank, wo Basilikum und Rosmarin gedeihen?

Altners verblüffende wie einleuchtende Antwort: Die Natur beginnt unter unserem T-Shirt! Wir sind Natur! Wir sind ein Teil von ihr!

Wir sind „aus Erde gemacht“, heißt es in der biblischen Schöpfungsgeschichte. Die Erde, das Wasser, die Materie unseres Körpers waren einmal Erde, Wasser, Materie an anderen Orten, irgendwo draußen in der Natur. Der irische Philosoph John O’Donohue spinnt diesen Gedanken weiter. Er meint, wir können die Nähe zu dieser Erde spüren. Wir fühlen uns zu bestimmten Gegenden hingezogen. Wir spüren eine Verwandtschaft zu bestimmten Landschaften.

So ein feines Gespür für unsere Verbundenheit mit der Erde können sich die meisten wahrscheinlich nur wünschen. Im Großen und Ganzen haben wir die Idee im Kopf, Natur ist irgendwo da draußen – und manchmal gönnen wir uns den Luxus, ein bisschen unserer kostbaren Zeit dort zu verbringen. Wir leben unser – hoch technisiertes – Leben mit all seinen Zwängen und Notwendigkeiten – und zur Erholung machen wir ab und an einen Spaziergang im Wald.

Natur ist für uns kaum mehr als unbeseelte Materie. Ein Räderwerk, in das wir immer wieder eingreifen in der Meinung, wir könnten es noch ein bisschen besser machen. Meistens ist es nur eine Frage der Zeit, dass wir feststellen, in welch gravierendem Maß wir es tatsächlich schlechter gemacht haben.

Wir haben unser Gefühl dafür verloren, dass wir verbunden sind. Eingebunden in ein großes Ganzes. Von Generation zu Generation geht dieses Verbundenheitsgefühl Stück für Stück mehr den Bach runter. Eine Frau, die eine Umwelt-AG in einer (Großstadt-)Grundschule anbietet, erzählte mir vor ein paar Tagen: Die Kinder denken, Eier kommen aus der Fabrik. Was für eine verkehrte Welt! Als wäre alles, was ist, von Menschen gemacht. Als wäre alles von Menschen machbar. Im großen Stil vergessen wir, dass wir darauf angewiesen sind, was die Erde hervorbringt.

Je mehr ich mich damit beschäftige, desto wichtiger wird mir, dass (nicht nur) meine Kinder diese Verbundenheit erfahren – auch in der Großstadt! Mir wird klar, dass das nicht kognitiv und theoretisch geht. Es geht darum zu erfahren, zu erleben, zu fühlen.

Ich glaube, das wird letztlich auch uns als Eltern nicht unberührt lassen. Je mehr ich mich damit auseinander setze, was für Kinder wichtig ist – zurzeit durch Bücher wie Mehr Matsch!, Wie Kinder heute wachsen oder Das letzte Kind im Wald? – desto mehr verändert sich mein Bild davon, was für uns als Menschen wichtig ist. Während meine Kinder wachsen, wandelt sich mein Menschenbild! Oder besser: es klärt sich. Es gewinnt an Klarheit!

Gerade jetzt, wo wir umgezogen sind und für unsere Kinder nach guten Orten suchen, wird dieses Thema für mich besonders virulent. Gute Orte für unsere Kinder zu finden oder zu schaffen, ist keine kleine Aufgabe! Mir spricht ein Satz aus Andreas Webers Mehr Matsch! aus der Seele:

Die zivilisatorische Aufgabe von heute, die in den Bildungsinstitutionen beginnt, besteht darin, „das Humane neu zu erfinden“.

Momo und die frühkindliche Bildung

Englisch und Französisch bei der Tagesmutter! Das war die Entdeckung der Woche!

Immer noch sind wir auf der Suche nach guten Orten für unsere Kinder. Und immer deutlicher wird uns, dass wir unter „gute Orte“ etwas so ganz anderes verstehen als der Mainstream. Irgendetwas läuft doch in unserer Gesellschaft deutlich schief, wenn Tagesmütter für sich damit werben, dass sie ihre Schützlinge an zwei Fremdsprachen heranführen. Die Kinder sind in der Regel ein Jahr alt! Sie sprechen noch nicht mal ihre eigene Muttersprache!

Im Blog von Herbert Renz-Polster bin ich auf das gute alte Kinderbuch Momo gestoßen. Ich kenne es wie meine Westentasche, weil ich die Geschichte während meiner Schulzeit im Schultheater gespielt habe. In der Rolle der Momo! 🙂 Aber damals war mir natürlich nicht bewusst, wie weitsichtig Michael Ende die Entwicklung in der (früh)kindlichen Bildungslandschaft vorhergesehen hat. Immerhin ist das Buch über vierzig Jahre alt – also in Zeiten erschienen, in denen unsereins mit drei, vielleicht auch erst mit vier Jahren in den Kindergarten kam, und dann zwischen neun und zwölf Uhr ganz zweckfrei ein bisschen gebastelt und gespielt hat.

Herbert Renz-Polster hat sich die Mühe gemacht und ein paar Passagen aus Momo zusammengestellt – wer nachlesen möchte, bitte hier entlang.

Besonders schön finde ich die Passage:

Die Spiele wurden (den Kindern) von Aufsichtspersonen vorgeschrieben und es waren nur solche, bei denen sie irgendetwas Nützliches lernten. Etwas anderes verlernten sie freilich dabei und das war: sich zu freuen, sich zu begeistern und zu träumen.

Das erinnert mich nicht nur daran, dass Kindergärten immer mehr zu kleinen Schulen werden, sondern auch an das ganze pädagogisch wertvolle Spielzeug, vor dem man sich nicht mehr retten kann, sobald man Kinder hat. Heutzutage kann man ja nichts mehr kaufen, womit die lieben Kleinen einfach nur Spaß haben. Nein, jeder noch so banale Babygreifling schult immer auch das Hör- und Sehvermögen, den Tastsinn und die feinmotorischen Fähigkeiten und was sonst noch alles. Und Bilderbücher sind auch nicht mehr einfach zum Anschauen und Vorlesen da, sondern zum Klappen, Drehen, Schieben, Tasten, Hören und Riechen.

Ob die Kinder heute nicht (viel zu früh!) verlernen, sich zu freuen, zu begeistern und zu träumen, ist eine wichtige Frage, finde ich. Da geht es um mehr, als um romantische Vorstellungen. Wer sich begeistern kann, der lernt. Der ist kreativ. Und produktiv. Schöpferisch tätig, um es etwas poetischer auszudrücken. Das sind Fähigkeiten, die wir brauchen werden in einer Welt, die in ihrer Maßlosigkeit längst aus den Fugen geraten ist.

Ebenfalls bei Renz-Polster bin ich auf die bedenkenswerte Frage gestoßen, was wir eigentlich bezwecken, wenn wir unseren Kindern immer früher immer mehr funktionale Bildung angedeihen lassen. Wollen wir ihnen ermöglichen, schneller am Ziel zu sein? Aber an welchem Ziel genau? In den Chefetagen eines hochdotierten Unternehmens? In einer Sinnkrise? Im Burnout?

Nie zu spät für eine glückliche Kindheit

Ich weiß gar nicht, wer diesen Ausspruch geprägt hat: „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit.“ Er kam mir in den Sinn, als ich ein ganz ähnliches Buch wie Mehr Matsch! – mein Monatsbuch für März – gelesen habe: Wie Kinder heute wachsen von Herbert Renz-Polster. Ich habe es letztes Jahr im Sommer gelesen, im Sand, am Strand… im unmittelbaren Kontakt mit den Elementen: Sonne, Sand, Meer und Wind. Das passte prima, denn auch hier geht es darum: schickt die Kinder wieder raus zum Spielen. Und lasst sie ihr Ding machen.

Nicht, dass meine Kindheit nicht glücklich gewesen wäre. Bei der Lektüre sind mir aber ganz neue Punkte aufgegangen, von denen ich bisher nicht wusste, wie entscheidend sie sind (und die meine Eltern bestimmt nicht bewusst gesteuert haben)! Und die für Kinder leider immer weniger selbstverständlich sind.

Renz-Polster schreibt aus einer evolutionsbiologischen Sicht. Über den absolut größten Teil der menschlichen Entwicklung haben die Kinder der Spezies Mensch ihre Kindheit weitgehend draußen verbracht. Unter freiem Himmel. Und zwar zusammen mit anderen Kindern. Nicht schön nach Jahrgängen getrennt, so wie wir das heute in unserem Schulsystem machen, sondern immer altersgemischt. Mit ungefähr drei Jahren wuchs ein Kind aus dem engeren Bereich der Mutter heraus und in die Kindergruppe herein. Weil jeder mal klein war innerhalb dieser Gruppe und irgendwann später auch mal groß, hatte er im Laufe der Zeit unterschiedliche soziale Rollen inne. Mal brauchte er Anleitung, mal war er der besonders kreative Kopf, mal der, der Verantwortung für andere übernommen hat. (Das geht unserer Aufteilung in Jahrgänge heute völlig ab. Da geht es um Vergleichbarkeit und Konkurrenz! Es gibt immer Gewinner und Verlierer!) Entscheidend war dabei: die Kinder waren unter sich. Sie hatten keinen Erwachsenen dabei, der sie beaufsichtigt und kontrolliert hat. Sie haben ihr Ding gemacht.

All diese Faktoren waren in meiner Kindheit sehr ausgeprägt.

1. Ich war viel draußen! Ich bin auf dem Dorf groß geworden, mit einem großen Grundstück ums Haus. Wenn ich mich richtig erinnere, hat meine Mutter uns jeden Tag zum Spielen rausgeschickt, egal welches Wetter war.

2. Da waren immer andere Kinder. Und sie waren unterschiedlich alt. In unserer Straße waren wir sechs Kinder, die regelmäßig um die Häuser gezogen sind. In meiner Verwandtschaft waren wir ein Dutzend Cousinen und Cousins, und wir haben uns jede Woche bei meinen Großeltern getroffen. Besonders mit meinen großen Cousins habe ich mich immer gemessen – die körperlichen Kräfte beim Toben und Kämpfen und die geistigen Kräfte bei Strategiespielen etc. Ich wollte immer mithalten, das war ein riesiger Anreiz.

3. Der Radius, den wir uns erobert haben, wurde zunehmend größer. Wir waren ohne Aufsicht von Erwachsenen unterwegs im Dorf, wir sind über die Felder gestreift, wir waren in den Ställen und Scheunen meiner Großeltern und auch im Wald.

Nie hätte ich gedacht, dass diese Faktoren so wichtig für die Entwicklung von Kindern sind. Aber es erscheint mir einleuchtend und die Erinnerungen, die aufblitzen, sprechen die Sprache von Verbundenheit, Sinnhaftigkeit und Glück.

Um so schmerzhafter ist für mich die Frage: was werden meine Kinder davon – in der Großstadt – erleben können? Welche Haltung müssen wir als Eltern kultivieren, um sie mit Vertrauen in die Welt schicken zu können?

Und mich interessiert: Wie macht ihr das? Welche Lösungen habt ihr für euch gefunden?

Mehr Matsch!

Nach unserem Umzug müssen wir uns an einen neuen Kindergarten gewöhnen – alle miteinander. Hier fällt mir auf, was letztlich auch für unsere alte Kita galt: wie künstlich die Welt ist, in der unsere Kinder leben. Die meiste Zeit des Tages spielen sie umringt von Mauern. Ich vermute, selten sind es mehr als zwei Stunden, die sie draußen verbringen, wenn überhaupt. (Wir haben – leider, leider, leider – keinen Platz im Waldkindergarten bekommen…) Innerhalb dieser Mauern aber hat eine kleine Schule Einzug erhalten. Da gibt es alles, was zukünftige Schülerinnen und Schüler lernen sollen: Turnen, Musik, Englisch, Sprachunterricht, naturwissenschaftliche Experimente. Natürlich alles ganz spielerisch und kindgerecht! Da kommen Muttersprachler ins Haus, um schon den Kleinsten ein Gefühl für die fremde Sprache zu vermitteln. Da werden teure Bewegungsmaterialien angeschafft, die die Kinder in ihrer psychomotorischen Entwicklung fördern sollen, wo es all das ein paar Meter weiter umsonst gibt: im Wald. Und frische Luft und eine Extraportion Vitamin D gratis dazu.

Was müssen Kinder lernen? Wie bereiten wir sie aufs Leben vor? Was brauchen sie, um im Leben anzukommen?

Andreas Weber sagt es mit dem Titel seines Buches: mehr Matsch! Er meint damit: mehr unmittelbare Erfahrungen mit den Elementen, mehr Kontakt zu anderen Kreaturen, mehr Freiheit unter freiem Himmel. Schlicht: mehr Lebendigkeit!

Kinder sind ein Ausbund an Lebendigkeit, und sie tragen ein inneres Suchprogramm in sich: sie suchen anderes Leben. Sie brauchen die Gegenwart von Pflanzen und Tieren, quasi als geistige Nahrung. Sie entdecken sich selbst in der Kraft und in der Verletzlichkeit anderer Wesen. Sie begreifen das Leben im Wachsen und Vergehen der Natur.

Das gilt auf einer grundlegenden physiologischen Ebene. Bestimmte Zellen in unserm Gehirn, die sogenannten Spiegelneuronen, sind dafür verantwortlich, dass wir fühlen, was unser Gegenüber zum Ausdruck bringt. Seine Freude und seinen Schmerz. Vermutlich gilt das nicht nur für menschliche Gegenüber, sondern auch für Tiere. Wir fühlen mit den anderen Wesen. Wir entdecken in ihnen die Welt von ihrer „Innenseite“, schreibt Andreas Weber. Das ist aber nicht mit der Nüchternheit von Faktenwissen zu beschreiben, sondern letztlich nur in Form von Poesie. Aber auf diese Weise begreifen wir intuitiv etwas von uns selbst und vom Leben überhaupt.

Ich erinnere mich an solche Erfahrungen, die sich mir tief eingeprägt haben. An den Seeadler, der im Zoo nur weniger Zentimeter über meinem Kopf seine Bahnen zog. An die Weite seiner Flügel, das Rauschen des Windes in seinem Gefieder. Seine Majestät und seine Erhabenheit haben mich zutiefst berührt und mir einen Geschmack von Freiheit vermittelt. Ich weiß noch, wie ich als Kind begeistert war, wenn wir in einem der Teiche der Umgebung Froschlaich entdeckt hatten. Wie gerne hätte ich die Metamorphose von diesem glibberigen Schleim zu einem quicklebendigen Frosch einmal mit eigenen Augen verfolgt. (Jeder Versuch, diese Wandlung in einem Einmachglas in mein Zimmer zu holen und mit gemopstem Fischfutter vom Aquarium meines Vaters zu unterstützen, ist leider kläglich gescheitert.) Wie sehr blühe ich bis heute auf, wenn im Frühling – wenn sich noch kaum ein grünes Blättchen nach draußen wagt – Magnolien ihre Blüten in aller Farbenpracht von weiß über rosa bis dunkelviolett in den frühlingsblauen Himmel strecken!

Wie viele dieser Erfahrungen machen unsere Kinder heute in einem durchgetakteten Leben, in dem sie – umringt von Mauern – eine Frühförderungsmaßnahme nach der nächsten durchlaufen? Was geht verloren, wenn der Kontakt zur Natur und zu anderen Kreaturen auf ein Minimum reduziert wird, durch Technik und von Menschen gemachte Dinge ersetzt wird oder ganz verloren geht? Unser Verständnis davon, was Leben ist?!

Weber schreibt: „Das trostlose Leben der Kinder, eingesperrt hinter Bildschirmen, zu Tode geschützt hinter Airbags und Schulhortmauern, sollte uns aufrütteln. Oder sind wir schon zu abgestumpft, um den Skandal zu bemerken, dass eine ganze Kultur sich verschworen hat, die Prinzipien der Lebendigkeit abzuschaffen?“