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Wie kommt man raus aus dem Hamsterrad?

Ich habe darauf keine Antwort! Nur eine Problemanzeige. In den Worten von Gerald Hüther. Sie machen mich betroffen, wütend und ratlos. Und besorgt im Blick auf unsere Kinder. Denn sie sind so wahr!

Nun sind wir, erwachsen und der Kindheit entwachsen, aus dem Staunen längst heraus. Die Pflicht, die Verantwortung, die Gewöhnung hat verschüttet, was war. Das Einfache ist kompliziert geworden. Das Langsame schnell. Das Große klein. Wir nehmen uns nicht mehr Zeit, die Zeit nimmt uns. Wir drehen am Rad. Sind müde und erschöpft, fühlen uns ausgelaugt und überfordert. Der Takt der Arbeitswelt diktiert den Alltag, er bestimmt unsere Beziehungen, unsere Verhältnisse, unser Denken. Der technische Fortschritt, der soziale Wandel und das Tempo des Lebens – wir erfahren es täglich – lassen uns zunehmend ratlos zurück. Das Leben ist zu einem Stresstest geworden, effizient soll es sein, perfekt, optimiert. Alles muss Sinn machen, einen Zweck haben, unser Dasein ist Analyse. Wir werten und werden bewertet, der Wettbewerb hat auf allen Ebenen Besitz von uns ergriffen. Bei der Wahl eines Partners, bei der Geburt eines Kindes, im Job und in der Freizeit. Wir sind vernetzt und verdrahtet und unsere Köpfe voll von Bildern. Wir kommen kaum nach, diese zu ordnen. Haben für alles ein Wort und für nichts mehr Zeit. Denken daran, was wird und was war. Wir rasen durchs Sein und vergessen zu sein, beugen uns wie selbstverständlich Zwängen, ohne sie in Frage zu stellen, und liefern uns einem System aus, das von drei Wörtern beherrscht wird: Ich. Alles. Sofort. Das ist die eilige Dreifaltigkeit unserer Tage.

(aus: Gerald Hüther, Uli Hauser – Jedes Kind ist hoch begabt; Hervorhebungen von mir)

Artgerecht-Planer 2017

Der artgerecht Planer 2017 - Hardcover (mit dem weekview Zeitplansystem)

Da ich im Moment noch winterlich langsam unterwegs bin, habe ich meinen neuen Kalender erst heute in Besitz  und Gebrauch genommen. Bereits zum dritten Mal habe ich jetzt den argerecht-Planer, und ich bin nach wie vor begeistert von diesem übersichtlichen, kompakten und inspirierenden Planungstool. Nach wie vor überzeugen mich die inneren Werte. Träumen. Planen. Leben. lautet das Motto.

In diesem Jahr hat aber auch die äußere Gestaltung dazu gewonnen. Zum ersten Mal ist der Planer auch in einer Hardcover-Version erhältlich. Das lässt hoffen, dass sich bei intensiver Nutzung einzelne Seiten nicht schon Anfang Mai wieder verabschieden. Zudem gibt es dieses Mal kein Cover-Foto, sondern der Kalender erinnert eher an ein edles Notizbuch. Ganz nach meinem Geschmack! Und die – wie ich finde – durchaus provozierende Aufschrift „artgerecht“ tritt dadurch noch mehr in den Mittelpunkt. Es gab schon die ein oder andere Nachfrage: „Artgerecht-Planer? Was ist das denn?“ Ein guter Einstieg, um ins Gespräch zu kommen…

Ebenfalls neu sind die zwei Lesebändchen. Das erleichtert die Orientierung und hat mir bisher gefehlt. Das Gummiband sorgt zu guter Letzt dafür, das der Planer in der Tasche nicht zerfleddert.

Jetzt liegt der Kalender vor mir, noch weitgehend unbeschrieben – so wie das neue Jahr. Nur Flecken hat er schon, weil mein Mann schon Kaffee drüber geschüttet hat. Naja, vielleicht wird es einfach ein besonders anregendes Jahr werden…!

Jetzt ist Winter!

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Hier war es in letzter Zeit ziemlich ruhig. Das liegt daran, dass Winter ist. Außen wie innen. Und zwar schon seit einer ganzen Weile…

Vor einiger Zeit bin ich auf den Lebenskompass von Ursula Seghezzi gestoßen: eine überaus kundige und weise Landkarte des Lebens, der Natur und der inneren Seelenlandschaften. Wunderbare Lektüre! Und bei mir ist in diesem Jahr so viel im Wandel, dass ich mich im Großen und Ganzen im „Winter“ bewege.

Das ist so vielleicht etwas erklärungsbedürftig. Es erschließt sich aber auf einem kurzen Gang durch die Jahreszeiten!

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Der Frühling beginnt, wenn Krokusse und Schneeglöckchen ihren Kopf aus der Erde strecken. Die ersten Anzeichen sind zart und versteckt. Es kommt vor, dass Kälte und Schnee sie wieder überdecken. Aber nach und nach setzt sich das Keimen und Wachsen durch. Die ersten Frühlingsblumen blühen, und die Vögel singen wieder.

Wenn wir mit dem Rhythmus der Natur mitgehen, können diese Fragen uns im Frühling begleiten: Was erwacht in mir? Welchen Ideen und Visionen möchte ich Gestalt geben? Wie kann ich meinen Körper reinigen und stärken?

Zum Sommer hin drängt alles nach Entfaltung und Blüte. Aus dem zarten Hellgrün der Bäume wird ein immer kräftigeres, satteres Grün. Alles strebt dem Licht entgegen.

Im Sommer geht es für uns Menschen um die Frage: Was entfaltet sich in meinem Leben? Hier sind vor allem zwei große Themenbereiche zu nennen. Der erste ist Beruf(ung): Wie entfalte ich mein Potenzial? Wie kann ich wirksam sein? Zur eigenen Erfüllung und im Dienst einer größeren Gemeinschaft. Und das zweite Thema ist Beziehung: Was ist mein Platz in der Gemeinschaft? Wie ist meine Partnerschaft? Wie mein Verhältnis zu den Eltern? Und wie steht es um die eigene Elternschaft?

iwR_graubunt1Der Herbst ist geprägt von einer zunehmenden Dichte. Im frühen Herbst haben Kräuter ihre größte Heilkraft. Die Früchte reifen. Nüsse und Samen fallen zu Boden. Mehr und mehr ziehen die Pflanzen ihre Kräfte und Säfte ins Innere der Erde zurück. Das Chlorophyll schwindet aus den Blättern und die Bäume erscheinen in bunter Farbenpracht.

Ernten und Danken sind die großen Themen des Herbstes. Im dankbaren Annehmen dessen, was gewachsen ist, erkenne ich an, dass es die eigene Leistung braucht, um etwas zu hegen und zu pflegen und ins Leben zu bringen. Aber das Wachsen kann ich nicht machen. Es steckt eine größere Kraft dahinter. Gott „wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein“, dichtet Matthias Claudius, „und bringt ihn dann behende in unser Feld und Brot: es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.“

Aber auch die Vergänglichkeit führt uns der Herbst vor Augen. Er bringt die Perspektive des Sterbens ein. Und damit die Frage: Was ist wirklich wesentlich? Was zählt am Ende wirklich?

Die Qualitäten des Winters werden in unserer Gesellschaft nicht gerade geschätzt und gepflegt: es wird dunkel und still. In der Mitte des Winters liegt die längste Nacht des Jahres. Draußen wird es immer stiller – wenn Schnee die Erde bedeckt, sogar beinahe lautlos. Die Tiere ziehen sich zum Winterschlaf zurück, und die Samen schlafen in der Erde.

Diese Bewegung mitzumachen, bedeutet Schlaf, Stille und Einkehr Raum zu geben. Es ist die Zeit, das zu erkunden, was Rilke den „Weltinnenraum“ nennt: die Wirklichkeit hinter unserer greifbaren Welt, die geistige Dimension unseres Lebens. Fragen für diese Zeit lauten: Nehme ich mir die Zeit, bei mir selbst einzukehren? Wie gestalte ich mein geistiges Leben? Und wie die Beziehung zum Göttlichen?

Wir tun uns schwer mit Zeiten des Nicht-Tuns. Wir verbinden es mit Stillstand. Dabei geschieht viel, wenn alles Äußere zur Ruhe kommt und ich mich ganz in mich hinein sinken lasse. Dann, wenn die Seele sich Gehör verschaffen und die Führung übernehmen kann. Wahrhaftige Veränderung beginnt im Verborgenen, ohne unser Zutun. In der dunkelsten Nacht des Winters wird das Licht geboren. Das Göttliche wird Mensch, ganz und gar.

Dieser Bewegung werde ich noch mehr Raum geben. Ich freue mich schon riesig darauf, ein Neujahrs-Winterritual mit Ursula Seghezzi mitzumachen: „Sich der Wandlung anvertrauen – Altes hinter sich lassen und für das Neue offen werden…“

Und was tut sich bei dir so?

Highlights 2015

Diese Zeit „zwischen den Jahren“ ist wunderbar! Schlafen, lesen, unterm Weihnachtsbaum sitzen und spielen, mit Kaffee und Kalender in der Hand das letzte Jahr Revue passieren lassen…

Mit Umzug und Wiedereinstieg in den Beruf war dieses zurückliegende Jahr schön und fordernd zugleich. Neuorientierung war angesagt. Und Ankommen. In der neuen Stadt haben wir weder Verwandte und Freunde in der Nähe noch ein soziales Netzwerk vor Ort, das man als Familie einfach braucht. „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen“ – diese viel zitierte Weisheit beschäftigt mich nachhaltig. Sei es durch die Clan-Idee des artgerecht-projekts, sei es dadurch, ein (afrikanisch angehauchtes) Dorf auf Zeit erlebt zu haben (dazu an anderer Stelle mehr). Gemeinschaft ist eines der großen Themen des vergangenen Jahres. Und es wird eins sein im neuen Jahr!

Die Highlights des vergangen Jahres gehören für mich zu diesen Bereichen:

Draußen-Zeit: arbeiten, spielen und feiern im Garten, ein Weidentipi bauen, Walnüsse ernten, Waldnachmittage mit einem Kindergartenfreund unseres großen Kleinen, Eseltrekking, Kaulquappenfänge, Radeln mit E-Bike und Lastenfahrrad, Zeit im Sand, am Strand, am Meer.

Inspirierende Lektüre: Mehr Matsch!, Achtsame Kommunikation mit Kindern (Daniel Siegel), Beziehungs-weise (Vivian Dittmar), Spiritual Parenting, Herzverstand (Rüdiger Schache), Die Weisheit Afrikas (Malidoma Somé)

Inspirierende Seminare gehören für mich jedes Jahr dazu! 2015 war jede Entscheidung ein Glücksgriff: Mystik und Coaching mit Sabine Bobert, Systemaufstellungen auf dem Schwanberg mit Friedrich Assländer und ein afrikanisches Trauerritual mit Sobonfu Somé. Alle drei haben mit einer geerdeten Spiritualität, mit der Kraft der Gefühle und mit der Verbindung zu den Wurzeln und zu einer umfassenderen Wirklichkeit zu tun. Alle drei werden mich auf die ein oder andere Weise auch im neuen Jahr beschäftigen. Und ich bin unendlich dankbar für die Impulse, die ich auf diesem Wege im zurückliegenden Jahr bekommen habe.

 Verlinkt bei karminrot.

Artgerecht-Planer 2016

Der artgerecht-Planer ist mir vor einem Jahr quasi in den Schoss gefallen. Anfang des Jahres war ich immer noch auf der Suche nach einem passenden Kalender. Und zufällig habe ich zur rechten Zeit auf die richtige Seite beim artgerecht-projekt geklickt. Bestellt. Geliefert. Begeistert.

In diesem Jahr habe ich den Kalender regelrecht erwartet. Jetzt liegt er vor mir, ganz jungfräulich noch, und wartet auf die ersten Eintragungen. Nach wie vor bin ich froh über diese Entdeckung. Format, Aufmachung, Jahresziele, Planungstools, viel Raum für Notizen – all das passt für mich perfekt zusammen.

Am meisten haben mich aber die Wochenmantras begeistert. Für jede Woche gibt es ein Mantra, eine Lebensweisheit, einen Gedankenimpuls. Sehr lebensnah, erfahrungsgesättigt und oft mit einem Augenzwinkern. So hat es der Planer echt in sich!

Manche Mantras sind mir in Fleisch und Blut übergegangen. Diskutiere nicht mit einem müden Kind, zum Beispiel. Oder diskutiere nicht mit einem hungrigen Kind. Jedes Mal, wenn sich bei uns gerade wieder eine mittelschwere Katastrophe ankündigt, gehe ich diese Mantras innerlich durch. Haben sie Hunger? Was können sie jetzt essen, um bis zur nächsten Mahlzeit zu kommen? Joghurt, Müsli, Fruchtriegel? Oder sind sie müde? Dann nicht auf Prinzipien rumreiten, wo immer möglich nachgeben und auf schnellstem Wege ins Bett! Das klingt eigentlich so banal, dass es kaum der Rede wert sein dürfte. Vor einem Jahr hatte ich das aber nicht so klar. Mantras sind wunderbar!

Viele andere Mantras haben mich beim Lesen sehr berührt. Das kann schon mal passieren ist ein Satz, der jede kritische Situation wunderbar entschärft. Fehler sind erlaubt kann man sich selbst einfach nicht oft genug sagen, denn: „Stress, Schuld und Selbstvorwürfe machen aus Eltern keine besseren, sondern gestresstere Eltern.“

Gerade weil mich diese Impulse so durchs Jahr begleitet haben, war ich enttäuscht, als ich gesehen habe, dass sich im neuen Kalender viele Mantras wiederholen. Wer neu auf den artgerecht-planer stößt, merkt das nicht, aber für Wiederholungstäter wie mich hätte ich mir mehr frischen Input gewünscht. So werde ich die neuen Mantras halt umso intensiver lesen.

Als alleiniges Planungstool komme ich mit dem Kalender allerdings nicht aus. Der Raum für die Wochenplanung ist mir zu knapp bemessen, weil ich viel Kleinkram erledigen und im Kopf behalten bzw. auf Papier festhalten muss. Daher gibt’s nebenher noch ein Allzeit-bereit-Notizbuch mit Symbolen à la bullet-journal. Beides zusammen hat sich im vergangenen Jahr super bewährt!

Mit einer Aufgabe geboren

Zu den größten Inspirationen der vergangenen zwei Jahre zählen für mich die Bücher von und die Begegnung mit Sobonfu Somé. Die Lehrerin afrikanischer Weisheit und Spiritualität stammt aus Westafrika, aus Burkina Faso. Es ist eines der ärmsten Länder der Welt, aber es ist unermeßlich reich an spirituellen Traditionen. Einige davon bringt Sobonfu Somé durch ihre Bücher und ihre Workshops in die westliche Welt. Denn genau das ist ihre Lebensaufgabe. Sie ist die „Hüterin der Rituale“, wie ihr Name übersetzt heißt.

Als ich zum ersten Mal davon gelesen habe, hat mich das gleich fasziniert. Die Dagara – der Stamm, dem Sobonfu Somé angehört – gehen davon aus, dass jedes Kind mit einer Aufgabe in diese Welt kommt. Es hat eine Bestimmung, eine Berufung, ein Lebensziel. Es bringt Gaben mit, die für die Gemeinschaft wichtig sind. Noch in der Schwangerschaft wird ein Ritual durchgeführt, um von dieser Lebensaufgabe zu erfahren. Die Schwangere wird in Trance versetzt und durch die Ältesten befragt. Die Mutter des Kindes gibt so die Bestimmung und die Aufgabe des kommenden Wesens weiter. Das Lebensziel findet seinen Niederschlag im Namen des Kindes, so dass seine Aufgabe immer präsent ist. In Kindheit und Jugend erhält es alle Unterstützung, die es braucht, um seine Gaben entfalten und in die Gemeinschaft einbringen zu können.

Mich hat das ungeheuer beeindruckt. Welcher Respekt und welche Ehrfurcht vor dem Wesen jedes einzelnen Menschen stehen dahinter! Welche Verantwortung und welcher Gemeinschaftssinn, jeden Neuankömmling darin zu unterstützen, seinen Platz im Leben zu finden!

Und welch ein Unterschied zu der Art und Weise, wie wir in unserer westlichen Welt ins Leben starten! Wir werden als eine tabula rasa betrachtet und in den ersten (sechzehn bis neunzehn!) Jahren mit quasi neutralem Wissen gefüttert. Mit 40 suchen wir dann unsere midlife-vision und investieren viel Geld und Coaching-Sitzungen, um unsere Berufung zu finden.

Gleichzeitig hat mich dieser Gedanke neugierig gemacht. Kennen wir denn nichts Vergleichbares? Gibt es in unserer Tradition kein Wissen um eine Lebensaufgabe, mit der wir geboren werden? Und ich bin unverhofft fündig geworden! In den christlichen Erzählungen findet sich gleich zwei Mal der Bericht von noch ungeborenen Kindern, die mit einer besonderen Aufgabe in die Welt kommen. In diesen Tagen hat man sie vielleicht gerade wieder mal gehört. Hier ist es kein Ritual mit Gesang, Trommeln und Trance, das die Lebensaufgabe offenbart. Es ist ein Engel, der die Botschaft überbringt. Gabriel. Er übermittelt Botschaften aus einer anderen Wirklichkeit. Und Empfänger sind jeweils die Eltern. Einmal ist es der Vater, Zacharias. Er erfährt von Gabriel, dass er einen Sohn haben wird und dessen Bestimmung wird sein, „die Herzen der Väter den Kindern zuzuwenden“! Wie wunderbar! Und die zweite Geschichte, nun, das ist die bekanntere: Gabriel stattet Maria einen Besuch ab und kündigt auch hier die Geburt eines Sohnes an. Er wird „heilig“ sein und „Kind Gottes“ genannt werden und eine Herrschaft antreten, die niemals aufhören wird.

Mit einer Aufgabe geboren. Vielleicht sind diese beiden Kinder, von denen hier die Rede ist, zu besonders, um diesen Gedanken auf alle Menschen auszuweiten? Vielleicht haben wir unsere Verbindung zu Engeln, zu unserer Intuition, zu unserer spirituellen Weisheit verloren? Vielleicht fehlen uns wirkmächtige Rituale und die Unterstützung einer Gemeinschaft, um damit in Berührung zu kommen? Mich lässt der Gedanke jedenfalls nicht mehr los, und ich werde ihm auf der Spur bleiben!

Wie mit Kindern über Terror reden?

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Als ich den gestrigen Post schrieb, hatte ich die Nachrichten des Tages noch nicht gelesen. Wahrscheinlich hätte ich sonst nicht über Laternen, Martinsfeuer und Willkommen geschrieben. Mein erster Gedanke war: Wie unbedeutend sind solche Erfahrungen angesichts der Ereignisse in Paris! Wie rührselig vielleicht auch. Aber dann habe ich gedacht: Nein, das stimmt nicht! Genau das ist wichtig. Über unsere Werte nicht nur reden. Sondern Menschlichkeit und Zusammenhalt leben. Sie in Szene setzen, erfahrbar machen, um-setzen!

Meine nächste Überlegung war: Wie kann ich denn mit Kindern über solche Ereignisse reden? Dazu auf die Schnelle ein paar Gedanken:

Am besten gar nicht! Diese Nachrichten gehören nicht in Kinderohren und -herzen! Je kleiner die Kinder sind, desto weniger. Das heißt für mich, aufmerksam mit meinem eigenen Medienkonsum sein: nicht einfach so nebenbei das Radio laufen lassen. Selbst kleine Kinder schnappen mehr auf, als man oft denkt. Falls nun aber genau das passiert ist, gilt:

Die Dramatik rausnehmen! Den Gedanken in dieser Klarheit verdanke ich Nicola Schmidt. Sie empfiehlt einen Mittelweg zwischen Wahrheit und Schonung. Aus genau diesem Grund: Terrornachrichten gehören nicht in Kinderohren und – herzen! Ich erinnere mich lebhaft an eine Diskussion – ausgerechnet mit einer Freundin aus Israel! – über den Film „Das Leben ist schön„: Ist es erlaubt, ein Kind anzulügen, um es vor einer schmerzlichen Wahrheit zu bewahren? Ich bin der Meinung: unbedingt ja! Nicht um Kindern eine heile Welt vorzugauckeln. (Schmerzliche Wahrheiten, die das Kind direkt betreffen, Krankheit und Tod in allernächster Umgebung etwa, gehen Kinder unbedingt etwas an!) Aber um Kinder vor einer Realität zu bewahren, die sie schlicht nicht verarbeiten können.

Keine Bilder! Das heißt vor allem keine Fernsehbilder! Unser Hirn unterscheidet nicht, ob wir von einer Situation „nur“ Bilder sehen oder ob wir live dabei sind. Es verarbeitet Bilder immer so, als gehe es um unmittelbar Erlebtes. Und entsprechend reagiert es mit Stress. Das gilt übrigens genauso für uns Erwachsene. Außerdem sind die Bilder von verletzten und verzweifelten Menschen keine „Nachrichten“, die wir „wissen“ müssten – dafür begleiten sie uns eindringlicher als alles andere.

Mit Kindern über ihre Gefühle reden! In diesem Fall – anders als bei der Dramatik der Situation – gilt: nicht beschwichtigen! Wenn Gefühle wie Angst, Trauer und Wut da sind, hilft es, sie auszusprechen. Das ist wie mit einem Luftballon: Wenn sich immer mehr aufstaut, dann platzt er irgendwann. Wenn bedrohliche Gefühle ausgesprochen werden können, wenn es jemanden gibt, der mitfühlt, dann kann die Luft einfach ausströmen. Eine hervorragende Hilfe zu diesem Thema sind hier die Bücher von Vivian Dittmar! Gleichzeitig ist es natürlich wichtig zu signalisieren:

Die Erwachsenen kümmern sich drum. Das hat nichts mit beschwichtigen zu tun. Die Grundbotschaft lautet: Du darfst weiter Kind sein und unbekümmert spielen. Die Erwachsenen regeln das. So gut wie sie können.

Sich an eine höhere Macht wenden. Beten, in die Kirche gehen, eine Kerze anzünden, über Schutzengel sprechen – was euch entspricht. Es für Kinder so wichtig zu erleben, dass auch die Erwachsenen nicht die letzte Instanz sind. Dass auch sie sich an jemanden wenden mit ihren Fragen, ihrer Not, aber auch dass sie Vertrauen haben. Wir waren heute in der Kirche und haben dort gesungen: „Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu dieser Zeit… Schaffe Licht in dunkler Nacht. Erbarm dich, Herr.“ Wie passend!

Wie über eine höhere Macht zu reden ist – die unendliche Liebe ist, der wir uns anvertrauen, die aber zugleich so erschreckende Ereignisse nicht verhindert  – das ist freilich ein ganz eigenes Thema!

Wer mehr zu dieser Fragestellung lesen will, dem kann ich ein Buch des amerikanischen Rabbiners Marc Gellman empfehlen: Wo steckt Gott? Wie wir unseren Kindern helfen können, mit schlechten Nachrichten umzugehen.

Wie haltet ihr das? Habt ihr noch andere Punkte, die euch wichtig sind?