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Fragebogen Spiritualität

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Oft ist eine gute Frage besser als alle noch so klugen Antworten. Denn sie eröffnet einen Raum, den man ohne die Frage vielleicht gar nicht betreten hätte.

Max Frisch war ein Meister des Fragens. Von ihm ist die Idee zum folgenden Fragebogen inspiriert. Das Thema Spiritualität taucht beim ihm allerdings nicht auf. Hier sind meine Fragen rund um dieses Thema:

Wer bejaht dich?
Bejahst du dich selbst?
Worauf kannst du dich verlassen?
Woher kommt deine Kraft?
Wann kannst du einfach nur nehmen, ohne selbst zu geben?

Wie fühlt sich das an: loslassen, nichts müssen, einfach sein?
Wann erfährst du das?
Wer gibt dir den Raum dafür?
Kannst du dir den Raum auch selbst nehmen?

Von welchen Bildern lässt du dein Leben prägen?
Wählst du die Bilder bewusst aus oder lässt du andere darüber entscheiden?
Welchen Bildern möchtest du mehr Raum in deinem Leben geben?

Welche Veränderungen bringst du voran?
Welche davon sind Teil deiner eigenen Entwicklung?
Welche dienen der Gemeinschaft?
Und welche zukünftigen Generationen?
Wie viele Menschen braucht es, um etwas zu verändern?
Welche Netzwerke nutzt du, um eine Veränderung voran zu treiben?

Was ist deine tiefste Wunde?
Wann lässt du die Berührung mit deinem eigenen Schmerz zu?
Glaubst du, dass deine Wunde heilen kann?
Wohin wendest du dich, um Heilung zu erfahren?

Wann ist es einmal ganz still um dich herum?
Und wann ganz still in deinem Inneren?
Kennst du den Raum jenseits deiner Gedanken und Gefühle?

Kennst du die Erfahrung, verbunden zu sein mit allem Lebendigen?
Wann fühlst du dich am richtigen Platz?
Wann erfährst du dich eingebunden in das große Ganze?
Wie öffnest du dich für die letzte Wirklichkeit?

 

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Jetzt ist Winter!

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Hier war es in letzter Zeit ziemlich ruhig. Das liegt daran, dass Winter ist. Außen wie innen. Und zwar schon seit einer ganzen Weile…

Vor einiger Zeit bin ich auf den Lebenskompass von Ursula Seghezzi gestoßen: eine überaus kundige und weise Landkarte des Lebens, der Natur und der inneren Seelenlandschaften. Wunderbare Lektüre! Und bei mir ist in diesem Jahr so viel im Wandel, dass ich mich im Großen und Ganzen im „Winter“ bewege.

Das ist so vielleicht etwas erklärungsbedürftig. Es erschließt sich aber auf einem kurzen Gang durch die Jahreszeiten!

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Der Frühling beginnt, wenn Krokusse und Schneeglöckchen ihren Kopf aus der Erde strecken. Die ersten Anzeichen sind zart und versteckt. Es kommt vor, dass Kälte und Schnee sie wieder überdecken. Aber nach und nach setzt sich das Keimen und Wachsen durch. Die ersten Frühlingsblumen blühen, und die Vögel singen wieder.

Wenn wir mit dem Rhythmus der Natur mitgehen, können diese Fragen uns im Frühling begleiten: Was erwacht in mir? Welchen Ideen und Visionen möchte ich Gestalt geben? Wie kann ich meinen Körper reinigen und stärken?

Zum Sommer hin drängt alles nach Entfaltung und Blüte. Aus dem zarten Hellgrün der Bäume wird ein immer kräftigeres, satteres Grün. Alles strebt dem Licht entgegen.

Im Sommer geht es für uns Menschen um die Frage: Was entfaltet sich in meinem Leben? Hier sind vor allem zwei große Themenbereiche zu nennen. Der erste ist Beruf(ung): Wie entfalte ich mein Potenzial? Wie kann ich wirksam sein? Zur eigenen Erfüllung und im Dienst einer größeren Gemeinschaft. Und das zweite Thema ist Beziehung: Was ist mein Platz in der Gemeinschaft? Wie ist meine Partnerschaft? Wie mein Verhältnis zu den Eltern? Und wie steht es um die eigene Elternschaft?

iwR_graubunt1Der Herbst ist geprägt von einer zunehmenden Dichte. Im frühen Herbst haben Kräuter ihre größte Heilkraft. Die Früchte reifen. Nüsse und Samen fallen zu Boden. Mehr und mehr ziehen die Pflanzen ihre Kräfte und Säfte ins Innere der Erde zurück. Das Chlorophyll schwindet aus den Blättern und die Bäume erscheinen in bunter Farbenpracht.

Ernten und Danken sind die großen Themen des Herbstes. Im dankbaren Annehmen dessen, was gewachsen ist, erkenne ich an, dass es die eigene Leistung braucht, um etwas zu hegen und zu pflegen und ins Leben zu bringen. Aber das Wachsen kann ich nicht machen. Es steckt eine größere Kraft dahinter. Gott „wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein“, dichtet Matthias Claudius, „und bringt ihn dann behende in unser Feld und Brot: es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.“

Aber auch die Vergänglichkeit führt uns der Herbst vor Augen. Er bringt die Perspektive des Sterbens ein. Und damit die Frage: Was ist wirklich wesentlich? Was zählt am Ende wirklich?

Die Qualitäten des Winters werden in unserer Gesellschaft nicht gerade geschätzt und gepflegt: es wird dunkel und still. In der Mitte des Winters liegt die längste Nacht des Jahres. Draußen wird es immer stiller – wenn Schnee die Erde bedeckt, sogar beinahe lautlos. Die Tiere ziehen sich zum Winterschlaf zurück, und die Samen schlafen in der Erde.

Diese Bewegung mitzumachen, bedeutet Schlaf, Stille und Einkehr Raum zu geben. Es ist die Zeit, das zu erkunden, was Rilke den „Weltinnenraum“ nennt: die Wirklichkeit hinter unserer greifbaren Welt, die geistige Dimension unseres Lebens. Fragen für diese Zeit lauten: Nehme ich mir die Zeit, bei mir selbst einzukehren? Wie gestalte ich mein geistiges Leben? Und wie die Beziehung zum Göttlichen?

Wir tun uns schwer mit Zeiten des Nicht-Tuns. Wir verbinden es mit Stillstand. Dabei geschieht viel, wenn alles Äußere zur Ruhe kommt und ich mich ganz in mich hinein sinken lasse. Dann, wenn die Seele sich Gehör verschaffen und die Führung übernehmen kann. Wahrhaftige Veränderung beginnt im Verborgenen, ohne unser Zutun. In der dunkelsten Nacht des Winters wird das Licht geboren. Das Göttliche wird Mensch, ganz und gar.

Dieser Bewegung werde ich noch mehr Raum geben. Ich freue mich schon riesig darauf, ein Neujahrs-Winterritual mit Ursula Seghezzi mitzumachen: „Sich der Wandlung anvertrauen – Altes hinter sich lassen und für das Neue offen werden…“

Und was tut sich bei dir so?

Meditieren mit Kindern #2

Im Leben mit kleinen Kindern Zeit für Meditation zu finden, ist gar nicht so einfach. Morgens oder abends, wenn die Kinder schlafen, schaffe ich es in der Regel nicht, mich aufs Kissen zu setzen. Also versuche ich, Meditationszeiten mitten in den trubeligen Alltag einzubauen, wenn die Kinder drumherum spielen, mir zuschauen oder vielleicht sogar mitmachen.

Dabei gibt es ein paar Dinge, die es mir und uns einfacher machen.

Hilfreich ist auf jeden Fall Vorerfahrung mit Meditation. Ich kenne verschiedene Formen von Meditation und Kontemplation und übe mich darin – in unterschiedlicher Intensität – seit gut 15 Jahren. Lange Zeit habe ich das stille Sitzen dazu genutzt, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Die äußeren Reize waren auf ein Minimum reduziert und endlich war mal Zeit, meine Gedanken bis zu Ende zu denken. Unglaublich, welche Wege der eigene Geist in kürzester Zeit zurücklegt und wo man innerhalb von 15 Minuten landen kann. Die Stille hat mir immer gut getan, aber ich habe erst viel später verstanden, dass es bei der Meditation um etwas anderes geht. Erst durch bestimmte Achtsamkeitsübungen (aus der MBSR-Schule) und eine spirituelle Praxis (wie diese hier) wurde mir klar, um was es eigentlich geht: ganz im Hier und Jetzt sein, mit einem wachen Geist und mit allen Sinnen. Und weil der Geist gerne in die unterschiedlichsten Richtungen davon flattert, ist es einfacher, wenn ich meine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Fokus richte – auf den Atem, auf Körperwahrnehmungen, auf die Beobachtung von Gedanken und Gefühlen oder auf ein innerlich wiederholtes Mantra. Um diese fokussierte Aufmerksamkeit zu üben, braucht es nicht unbedingt absolute Stille um mich herum. Das geht genauso, wenn die Kinder gerade die Legosteine durcheinander wirbeln, die Zahlen auf dem Timer vorlesen oder auf meinen Schoß klettern. Ich kehre immer wieder zurück zu meiner Übung im Hier und Jetzt.

Für die Kinder ist es klarer, wenn es einen besonders gestalteten Ort gibt. Dieser Ort markiert: Mama macht gerade ihre stille Zeit. Sie ist jetzt beschäftigt. Wenn sie aufsteht, ist sie wieder für uns da. Bei uns ist dieser Ort noch im Entstehen. Ich habe eine Servierplatte umfunktioniert (das schwedische Möbelhaus machts möglich), quasi als kleinen Altar, den ich mit besonderen Gegenständen geschmückt habe: eine Kerze, eine Blume, ein schöner Stein, ein kleiner Engel. Ich stelle mir vor, dass die Kinder diesen Ort in Zukunft mitgestalten – mit Fundstücken aus der Natur, Bildern, mit Dingen, die ihnen wichtig sind.

Für die Kinder ist zudem ein Zeitmesser hilfreich, etwas, das das Vergehen der Zeit sichtbar macht. Ich nutze diesen kleinen Timer, bei dem man Tonsignal, Vibrationsalarm und ein Lichtsignal beliebig miteinander kombinieren kann. Unser großer Kleiner ist fasziniert von Zahlen, er zählt vorwärts und rückwärts, und er verfolgt genau die wechselnden Zahlen auf dem Timer. Bei kleineren Kindern kann eine Sanduhr gute Dienste leisten. Sie macht einen kurzen Zeitraum und seine Begrenzung optisch sichtbar.

Damit die Auszeit funktionieren kann, ist es natürlich wichtig, dass gerade alle wichtigen Bedürfnisse der Kinder gestillt sind. Ein guter Zeitpunkt ist deshalb zum Beispiel nach der Raubtierfütterung. Und wenn die Kleinen vorher auch noch eine ordentliche Portion von Mamas Aufmerksamkeit bekommen haben, dann hilft das auf jeden Fall, sie jetzt für eine kleine Weile zu entbehren.

Meditieren mit Kindern #1

Ich würde gerne wieder regelmäßig meditieren. Die Frage ist nur: wann? Im Leben mit zwei kleinen Kindern scheint es dafür keine geeignete Tageszeit zu geben. Morgens früh? Es mag Leute geben, die stehen in aller Frühe auf, um zu meditieren – zu denen gehöre ich aber definitiv nicht! Meine Kinder sind – im Gegensatz zu mir! – Frühaufsteher, und der Tag fängt ohnehin immer viel zu früh an. Da ist nicht daran zu denken, vor den Kindern aufzustehen, um den Tag in Stille zu beginnen! Und abends? Ja, wenn die Kinder schlafen, wäre das eigentlich eine gute Zeit. Nur muss halt immer alles abends stattfinden, was tagsüber mit den Kinder nicht geht, und das ist nicht wenig! Und oft bin ich selbst so k.o., dass ich mit den Kindern auf der Bettkante einschlafe.

Daher mein Entschluss: Ab sofort meditiere ich mit den Kindern! Nicht in dem Sinne, dass ich sie darin anleite zu meditieren – das kommt vielleicht später auch noch. Aber ich meditiere, wenn die Kinder um mich herum sind. Ich setze mich einfach mitten im Alltagstrubel hin und nehme mir eine Auszeit. Eine Kerze, ein Kissen und ein Timer sind meine Hilfsmittel.

Dem großen Kleinen habe ich das so erklärt: Ich setze mich jetzt für eine Viertelstunde hin, zünde mir eine Kerze an und möchte einfach still sein. Ich stelle den Timer auf fünfzehn Minuten ein, dann kannst du sehen, wann die stille Zeit zuende geht. Er interessiert sich unglaublich für Zahlen und Zeiten, so dass er abwechselnd zu mir und auf den Timer geschaut und die Zeit quasi rückwärts gezählt hat.

Unser Kleiner ist einfach noch zu klein für Erklärungen. Nachdem er erst eine Weile mit etwas anderem beschäftigt war, kam er irgendwann und hat das ungewohnte Setting interessiert beobachtet. Am Ende der fünfzehn Minuten saß der Kleine auf meinem Schoß, und der Große lehnte sich von hinten an meinen Rücken. Ich war ganz gerührt über diesen dichten gemeinsamen Moment mit meinen Kindern!

So habe ich Meditation bisher nie gedacht. Ich bin immer davon ausgegangen, dass es eine ungestörte Zeit und einen ruhigen Ort braucht. Aber auch wenn die Kinder um mich herum sind, wenn sie spielen oder auf meinen Schoß klettern, kann ich mich darin üben, mit meiner Aufmerksamkeit bei mir selbst zu sein. Und immer wieder dahin zurück zu kehren.

Und ganz nebenbei finde ich es gut, wenn die Kinder es miterleben, wie ich meditiere. Sie werden neugierig werden und es auch ausprobieren wollen. Und dann wird es sicher wieder Zeiten geben, wo sie sich überhaupt nicht dafür interessieren. Aber sie wissen wenigstens um diese Möglichkeit und können sich jederzeit dazu setzen, wenn sie mögen.

Lebens-Mitte

Vor einiger Zeit flatterte die Einladung zum 20jährigen Abi ins Haus. Ich bin mit eher gemischten Gefühlen zu diesem Treffen gefahren. Schließlich habe ich seit Jahren zu niemandem aus meiner Jahrgangsstufe mehr Kontakt. Es wurde ein ausgesprochen netter Abend mit angeregten Gesprächen – ausgerechnet mit Leuten, mit denen ich während meiner Schulzeit so gut wie nie etwas zu tun hatte.

Nachher habe ich mich gefragt, ob es eigentlich ein Thema gibt, das uns alle verbindet. Die einen stecken – wie wir – gerade erst in der Familiengründungsphase, andere haben die Kinder schon bald wieder aus dem Haus. Ein Paar ist bereits seit unserer Schulzeit zusammen, andere sind längst wieder mehr oder weniger glückliche Singles. Und auch beruflich könnte das Spektrum kaum größer sein: zufriedener Hausmann, selbständige Unternehmerin, Dauerstudent und Gelegenheitsjobber – alles war vertreten.

Eigentlich gibt es nur ein Thema, das uns – rund um die vierzig – verbindet: wir befinden uns alle in unserer Lebensmitte. Zumindest statistisch gesehen haben wir so ungefähr die Hälfte des Lebens hinter uns.

Aber was bedeutet das? Im täglichen Leben spielt die Frage, wieviel Lebenszeit schon rum ist und wie viel noch bleibt, ja in der Regel keine Rolle. Trotzdem hat mich diese Frage nicht mehr losgelassen und sie beschäftigt mich seither.

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Aus der indischen Philosophie kenne ich schon länger die Einteilung in vier Lebensstadien von jeweils 21 Jahren: der enthaltsame Schüler, der Hausvater, der Waldeinsiedler und der Weise. Auch wenn die Bezeichnungen etwas urtümlich erscheinen, entsprechen die Phasen durchaus unserer Lebenswelt. Wir kennen die Übergänge in ein eigenständiges Leben, sprechen von der midlife-crisis und wissen um den Einschnitt, den der Übergang in den Ruhestand bedeuten kann. Aber während beim Eintritt ins Berufsleben und auch beim Ausscheiden daraus die Veränderungen auf der Hand liegen, gibt es in der Lebensmitte nichts, was sich im Außen verändert. Im Gegenteil, es könnte eigentlich alles Jahre und Jahrzehnte so weitergehen wie bisher – wenn, ja wenn sich da nicht manchmal das Gefühl einschleichen würde: „Das kann doch nicht alles gewesen sein!“ In der Lebensmitte verändert sich etwas ganz leise und unbemerkt.

Im Verborgenen vollzieht sich etwas, was ein entscheidender Wendepunkt des Lebens sein kann. Für den Schweizer Psychoanalytiker C. G. Jung steht ab der Lebensmitte die wichtige Aufgabe an, die innere Persönlichkeit auszubilden. Aber dieser Weg von außen nach innen kann steinig und holprig sein. Man muss im Inneren aufräumen, alte Verletzungen bearbeiten, seelische Bedürfnisse ernst nehmen. Diese Phase funktioniert nach anderen Prinzipien als die vorige. Wer genauso weitermacht wie bisher – den beruflichen Erfolg, das Vermögen, seine Macht und sein Wissen ausbauen – der verpasst das Entscheidende. Aber auch das Gegenteil – den alten Beruf an den Nagel hängen, eine neue Beziehung anfangen, aussteigen und sich selbst verwirklichen – führt immer noch in die falsche Richtung. Es geht weder darum, weiterhin „Fleißkärtchen zu sammeln“, noch sein Leben neu zu erfinden. Weil beides immer noch mit einer Orientierung nach außen einher geht.

Jetzt steht es aber an, sich einer inneren Führung anzuvertrauen. Während bisher Aktivität und gestaltende Kraft im Vordergrund standen, ist jetzt mehr und mehr Loslassen gefragt. So vollzieht sich ein innerer Führungswechsel, der sich an manchen Stellen wie Kontrollverlust anfühlt und nicht nur angenehm ist. In dieser Lebensphase sind daher Zeiten des Rückzugs und der Stille von besonderer Bedeutung.

Aber dieser Weg ist nicht nur steinig und schwer. Wer sich darauf einlässt, findet Geschmack daran. Wer den unmittelbaren Ruf des Lebens zu hören vermag, dem wird die Welt durchsichtiger und leuchtender als vielleicht je zuvor. Und er wird selbst durchscheinend für Weisheit und Güte – Qualitäten, die wir an alten Menschen sehr schätzen, die sich aber keineswegs von alleine einstellen.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich bei mir die Frage nach einer Lebensaufgabe gerade jetzt meldet. Auf jeden Fall bin ich gespannt, welche Veränderungen die nächsten Jahre mit sich bringen werden…

Mit einer Aufgabe geboren

Zu den größten Inspirationen der vergangenen zwei Jahre zählen für mich die Bücher von und die Begegnung mit Sobonfu Somé. Die Lehrerin afrikanischer Weisheit und Spiritualität stammt aus Westafrika, aus Burkina Faso. Es ist eines der ärmsten Länder der Welt, aber es ist unermeßlich reich an spirituellen Traditionen. Einige davon bringt Sobonfu Somé durch ihre Bücher und ihre Workshops in die westliche Welt. Denn genau das ist ihre Lebensaufgabe. Sie ist die „Hüterin der Rituale“, wie ihr Name übersetzt heißt.

Als ich zum ersten Mal davon gelesen habe, hat mich das gleich fasziniert. Die Dagara – der Stamm, dem Sobonfu Somé angehört – gehen davon aus, dass jedes Kind mit einer Aufgabe in diese Welt kommt. Es hat eine Bestimmung, eine Berufung, ein Lebensziel. Es bringt Gaben mit, die für die Gemeinschaft wichtig sind. Noch in der Schwangerschaft wird ein Ritual durchgeführt, um von dieser Lebensaufgabe zu erfahren. Die Schwangere wird in Trance versetzt und durch die Ältesten befragt. Die Mutter des Kindes gibt so die Bestimmung und die Aufgabe des kommenden Wesens weiter. Das Lebensziel findet seinen Niederschlag im Namen des Kindes, so dass seine Aufgabe immer präsent ist. In Kindheit und Jugend erhält es alle Unterstützung, die es braucht, um seine Gaben entfalten und in die Gemeinschaft einbringen zu können.

Mich hat das ungeheuer beeindruckt. Welcher Respekt und welche Ehrfurcht vor dem Wesen jedes einzelnen Menschen stehen dahinter! Welche Verantwortung und welcher Gemeinschaftssinn, jeden Neuankömmling darin zu unterstützen, seinen Platz im Leben zu finden!

Und welch ein Unterschied zu der Art und Weise, wie wir in unserer westlichen Welt ins Leben starten! Wir werden als eine tabula rasa betrachtet und in den ersten (sechzehn bis neunzehn!) Jahren mit quasi neutralem Wissen gefüttert. Mit 40 suchen wir dann unsere midlife-vision und investieren viel Geld und Coaching-Sitzungen, um unsere Berufung zu finden.

Gleichzeitig hat mich dieser Gedanke neugierig gemacht. Kennen wir denn nichts Vergleichbares? Gibt es in unserer Tradition kein Wissen um eine Lebensaufgabe, mit der wir geboren werden? Und ich bin unverhofft fündig geworden! In den christlichen Erzählungen findet sich gleich zwei Mal der Bericht von noch ungeborenen Kindern, die mit einer besonderen Aufgabe in die Welt kommen. In diesen Tagen hat man sie vielleicht gerade wieder mal gehört. Hier ist es kein Ritual mit Gesang, Trommeln und Trance, das die Lebensaufgabe offenbart. Es ist ein Engel, der die Botschaft überbringt. Gabriel. Er übermittelt Botschaften aus einer anderen Wirklichkeit. Und Empfänger sind jeweils die Eltern. Einmal ist es der Vater, Zacharias. Er erfährt von Gabriel, dass er einen Sohn haben wird und dessen Bestimmung wird sein, „die Herzen der Väter den Kindern zuzuwenden“! Wie wunderbar! Und die zweite Geschichte, nun, das ist die bekanntere: Gabriel stattet Maria einen Besuch ab und kündigt auch hier die Geburt eines Sohnes an. Er wird „heilig“ sein und „Kind Gottes“ genannt werden und eine Herrschaft antreten, die niemals aufhören wird.

Mit einer Aufgabe geboren. Vielleicht sind diese beiden Kinder, von denen hier die Rede ist, zu besonders, um diesen Gedanken auf alle Menschen auszuweiten? Vielleicht haben wir unsere Verbindung zu Engeln, zu unserer Intuition, zu unserer spirituellen Weisheit verloren? Vielleicht fehlen uns wirkmächtige Rituale und die Unterstützung einer Gemeinschaft, um damit in Berührung zu kommen? Mich lässt der Gedanke jedenfalls nicht mehr los, und ich werde ihm auf der Spur bleiben!

Wie mit Kindern über Terror reden?

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Als ich den gestrigen Post schrieb, hatte ich die Nachrichten des Tages noch nicht gelesen. Wahrscheinlich hätte ich sonst nicht über Laternen, Martinsfeuer und Willkommen geschrieben. Mein erster Gedanke war: Wie unbedeutend sind solche Erfahrungen angesichts der Ereignisse in Paris! Wie rührselig vielleicht auch. Aber dann habe ich gedacht: Nein, das stimmt nicht! Genau das ist wichtig. Über unsere Werte nicht nur reden. Sondern Menschlichkeit und Zusammenhalt leben. Sie in Szene setzen, erfahrbar machen, um-setzen!

Meine nächste Überlegung war: Wie kann ich denn mit Kindern über solche Ereignisse reden? Dazu auf die Schnelle ein paar Gedanken:

Am besten gar nicht! Diese Nachrichten gehören nicht in Kinderohren und -herzen! Je kleiner die Kinder sind, desto weniger. Das heißt für mich, aufmerksam mit meinem eigenen Medienkonsum sein: nicht einfach so nebenbei das Radio laufen lassen. Selbst kleine Kinder schnappen mehr auf, als man oft denkt. Falls nun aber genau das passiert ist, gilt:

Die Dramatik rausnehmen! Den Gedanken in dieser Klarheit verdanke ich Nicola Schmidt. Sie empfiehlt einen Mittelweg zwischen Wahrheit und Schonung. Aus genau diesem Grund: Terrornachrichten gehören nicht in Kinderohren und – herzen! Ich erinnere mich lebhaft an eine Diskussion – ausgerechnet mit einer Freundin aus Israel! – über den Film „Das Leben ist schön„: Ist es erlaubt, ein Kind anzulügen, um es vor einer schmerzlichen Wahrheit zu bewahren? Ich bin der Meinung: unbedingt ja! Nicht um Kindern eine heile Welt vorzugauckeln. (Schmerzliche Wahrheiten, die das Kind direkt betreffen, Krankheit und Tod in allernächster Umgebung etwa, gehen Kinder unbedingt etwas an!) Aber um Kinder vor einer Realität zu bewahren, die sie schlicht nicht verarbeiten können.

Keine Bilder! Das heißt vor allem keine Fernsehbilder! Unser Hirn unterscheidet nicht, ob wir von einer Situation „nur“ Bilder sehen oder ob wir live dabei sind. Es verarbeitet Bilder immer so, als gehe es um unmittelbar Erlebtes. Und entsprechend reagiert es mit Stress. Das gilt übrigens genauso für uns Erwachsene. Außerdem sind die Bilder von verletzten und verzweifelten Menschen keine „Nachrichten“, die wir „wissen“ müssten – dafür begleiten sie uns eindringlicher als alles andere.

Mit Kindern über ihre Gefühle reden! In diesem Fall – anders als bei der Dramatik der Situation – gilt: nicht beschwichtigen! Wenn Gefühle wie Angst, Trauer und Wut da sind, hilft es, sie auszusprechen. Das ist wie mit einem Luftballon: Wenn sich immer mehr aufstaut, dann platzt er irgendwann. Wenn bedrohliche Gefühle ausgesprochen werden können, wenn es jemanden gibt, der mitfühlt, dann kann die Luft einfach ausströmen. Eine hervorragende Hilfe zu diesem Thema sind hier die Bücher von Vivian Dittmar! Gleichzeitig ist es natürlich wichtig zu signalisieren:

Die Erwachsenen kümmern sich drum. Das hat nichts mit beschwichtigen zu tun. Die Grundbotschaft lautet: Du darfst weiter Kind sein und unbekümmert spielen. Die Erwachsenen regeln das. So gut wie sie können.

Sich an eine höhere Macht wenden. Beten, in die Kirche gehen, eine Kerze anzünden, über Schutzengel sprechen – was euch entspricht. Es für Kinder so wichtig zu erleben, dass auch die Erwachsenen nicht die letzte Instanz sind. Dass auch sie sich an jemanden wenden mit ihren Fragen, ihrer Not, aber auch dass sie Vertrauen haben. Wir waren heute in der Kirche und haben dort gesungen: „Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu dieser Zeit… Schaffe Licht in dunkler Nacht. Erbarm dich, Herr.“ Wie passend!

Wie über eine höhere Macht zu reden ist – die unendliche Liebe ist, der wir uns anvertrauen, die aber zugleich so erschreckende Ereignisse nicht verhindert  – das ist freilich ein ganz eigenes Thema!

Wer mehr zu dieser Fragestellung lesen will, dem kann ich ein Buch des amerikanischen Rabbiners Marc Gellman empfehlen: Wo steckt Gott? Wie wir unseren Kindern helfen können, mit schlechten Nachrichten umzugehen.

Wie haltet ihr das? Habt ihr noch andere Punkte, die euch wichtig sind?