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Wie spüre ich mich selbst (wieder)?

Mit so viel Freiheit konnte ich gar nicht umgehen: zwei Tage ganz für mich alleine. Am Meer. In einem der schönsten Urlaubsorte überhaupt. Freie Zeit. Ich entscheide. Was ich tue. Und was nicht.

Am Ende unseres Urlaubs hatte ich auf einmal diese beiden Tage (wie es dazu kam, kannst du hier nachlesen). Und dann hatte ich auch noch diesen Bierdeckel gefunden mit der Aufschrift: „Always trust your inner voice“

Der inneren Stimme zu vertrauen, ist schön und gut. Dazu muss man sie aber überhaupt erst mal hören! Wie nimmt man sie wahr, wenn man im Großen und Ganzen gewohnt ist, im Alltag einfach zu funktionieren? Und das heißt ja in der Regel, äußeren Stimmen und Erwartungen zu folgen!

Mein erster Impuls war: Ich mache mir einen Plan! Einen ziemlich vollen sogar. Ich tue all das, wozu ich im Urlaub Lust hatte und wozu ich mit den Kindern nicht gekommen bin: Ich spaziere ausgiebig am Meer entlang. Ich setze mich stundenlang in mein Lieblingscafé und lese in aller Ruhe. Ich wandere ins Nachbardorf und esse da die besten Pommes von ganz Holland usw.

Das sind alles Dinge, die ich gern tue und die mir gut tun (bis auf die Pommes vielleicht…). Aber gleichzeitig war es wie eine To-Do-Liste zum Abarbeiten. Und abarbeiten wollte ich nichts. Ich wollte auftanken. Mit mir selbst in Verbindung kommen. Spüren, was ich wirklich brauche!

Also habe ich meinen Plan wieder über den Haufen geschmissen und innerlich die Reset-Taste gedrückt. Noch mal von vorn. Ich gehe ohne Konzept in diese beiden Tage. Ich warte, was sich zeigt…!

Drei Dinge habe mir dabei geholfen, auf meine innere Stimme wirklich zu hören.

1. Ein Naturgang

Wirklich hilfreich, um Impulse überhaupt aufkommen zu lassen, ist  ein „Naturgang“. Das ist etwas anderes als ein Spaziergang. Ich gehe los, ohne ein Ziel zu haben, ohne Plan, ohne Konzept. Ich öffne mich ganz für das, was mir unterwegs begegnet. Dabei achte ich bewusst auf innere Impulse (ich hatte zum Beispiel den starken Impuls, nicht ans Meer, sondern ins Landesinnere zu gehen) oder darauf, ob irgendetwas im Außen die Aufmerksamkeit erregt. Ich lasse mich sozusagen rufen von den (Natur)Wesen auf dem Weg und verweile da, wo die Aufmerksamkeit mich hinzieht. Dabei kann es gut sein, dass ich mich bei einem Naturgang kaum von der Stelle bewege. Entscheidend ist nicht der äußere, sondern der innere Weg.

2. Einen guten Rhythmus finden

Durch meine Offenheit hat sich quasi von alleine ein Rhythmus eingestellt. Mein Tag begann mit Kaffee und Brötchen am Meer. Danach habe ich in meinem B&B-Zimmer konzentriert an einem Blog-Artikel gearbeitet. Ausgiebiges und zielloses Streunern am Meer füllte den Nachmittag aus. Und am Abend habe ich unseren Urlaubsfilm geschnitten, sehr fokussiert, aber kreativ und mit viel Spaß an der Sache .

Mein Alltag hat diesen Rhythmus nicht. Ich bin eine Kopfarbeiterin. Ich wechsle zwar die Gegenstände meiner Konzentration, aber nicht die Art meiner Beschäftigung.

Ein guter Wechsel zwischen „ora et labora“ („bete und arbeite“) hilft, auf die eigenen Impulse zu achten. Es geht um einen guten Rhythmus von Aktivität und Zeiten, in denen nichts passiert. Von Konzentration auf eine Tätigkeit im Außen und dem Lauschen nach innen.

Und da sich dieser Rhythmus im Alltag nicht von alleine einstellt, ist es gut, bewusst darauf zu achten.

3. Bedürfnisse erkunden

Inzwischen bin ich ein bisschen geübter, wenn es darum geht, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu erkunden. Wenn ich mich unwohl fühle, nehme ich das als Hinweis zu schauen:

  • Was ist der Auslöser?
  • Wie fühle ich mich damit?
  • Und was brauche ich? Also was sind meine (unerfüllten) Bedürfnisse?

Es braucht ein bisschen Zeit, um dem auf die Spur zu kommen. Das geht nicht nebenbei. Aber wenn ich mir zehn Minuten nehme und die Bedürfnisse aufschreibe, lohnt sich das auf jeden Fall! Innerhalb kürzester Zeit stellt sich eine tiefe Zufriedenheit ein, wenn ich in Verbindung mit meinen Bedürfnissen bin! Das ist es auf jeden Fall wert, sich einmal kurz selbst zu unterbrechen und die Achtsamkeit nach innen auf die Gefühle und Bedürfnisse zu richten.

Welche Rezepte hast du, um dich selbst (wieder) besser zu spüren?

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Wie du mithilfe von GfK Gewissensbisse auflösen kannst

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Im Urlaub wirklich ganz abschalten und entspannen? Selten ist mir das so wenig gelungen wie in diesem Jahr!

Das liegt vor allem daran, dass man mit kleinen Kindern trotz Urlaub „funktionieren“ muss: aufstehen, wenn die Kinder wach sind, Frühstück machen, Essen für den Strand einpacken, Sandburgen bauen, Kletterversuche auf dem Spielplatz absichern, quengelige Kinder auf dem Heimweg motivieren, Abendessen kochen, müde Kinder durch die Dusche schleusen, vorlesen, ins Bett bringen… So ein Urlaubstag ist ganz schön voll gepackt, und so schön das alles auch ist, beim Ins-Bett-bringen schlafe ich vor lauter Erschöpfung oft selber mit ein.

Dieses Jahr war ich damit besonders unzufrieden. Einmal habe ich mich hingesetzt und versucht, mir darüber klar zu werden, was ich eigentlich brauche. Im Sinne der gewaltfreien Kommunikation (GfK) habe ich erkundet, welches meine Bedürfnisse sind. Ganz oben auf der Liste stand:

  • Zeit für mich, in der ICH! SELBST! BESTIMMEN! KANN!!!
  • meine eigenen Impulse spüren und ihnen nachgehen
  • verbunden sein mit Erde und Himmel, Luft und Meer

„Ich brauche jetzt noch eine Woche Urlaub ganz alleine“, habe ich am Ende unseres Urlaubs zu meinem Mann gesagt. „Bleib doch noch!“ meinte er. Zuerst kam mir das verrückt vor. Doch dann habe ich nachgeschaut. Ein Bed & Breakfast-Zimmer war schnell gefunden. Eine Zugverbindung auch. Noch ein Wochenende dran hängen? Ganz alleine? Geht das wirklich?

Die Faszination dieser Idee hat so schnell von mir Raum ergriffen, dass klar war: ich mach’s! Aber genauso schnell kamen die Gewissensbisse: Ich verlängere den Urlaub und die Kinder müssen nach Hause fahren. Das werden sie nie verstehen. Das wird ihnen das Herz brechen!!!

Diese Gewissensbisse hatten mich so sehr in der Zange, dass ich es um ein Haar nicht gemacht hätte. Zum Glück kamen mir meine GfK-Kenntnisse zur Hilfe, und ich habe mich kurzfristig selbst gecoacht. Was ich nun schildere, ist ein Prozess, der in relativ kurzer Zeit den inneren Frieden (wieder) herstellen kann, wenn du dich selbst verurteilst für etwas, was du getan hast – oder wie in meinem Fall: tun willst.

In unserem inneren Team gibt es in einem solchen Fall zwei Akteure: den inneren Entscheider und die Richterin. Die beiden sind sich völlig uneins. Und welcher Stimme soll man da trauen??? Der Entscheider macht einfach, was er für gut befindet und lässt sich nicht beirren. Die Richterin kritisiert, beschimpft und verurteilt messerscharf alles, was sie nicht billigen kann. Unter dieser Fuchtel kann man sich echt elend fühlen und definitiv nichts mehr genießen – da kann der Entscheider noch so gute Tatsachen geschaffen haben.

In diesem Prozess ist es der erste Schritt, die Richterin unzensiert sprechen zu lassen. Was halte ich von mir, wenn ich so handle?

In meinem Fall hörte sich das so an: Du brichst den Kindern das Herz. Sie sollen nach Hause fahren und du bleibst? Das werden Sie nie verstehen! Du bist total egoistisch! Du nimmst dir etwas, was sie nicht haben dürfen.

Als nächstes erkundet man die Gefühle und Bedürfnisse, die hinter diesen Urteilen stehen: Wie fühle ich mich, wenn ich so über mich urteile? Und welche unerfüllten Bedürfnisse stehen dahinter?

Wie ich mich fühle, wenn die Stimmen in meinem Inneren so zetern, ist klar: klein und ohnmächtig, irgendwie falsch, beschämt, traurig.

Welche Bedürfnisse dahinter stehen, konnte ich – wie meistens – nicht ganz so einfach entschlüsseln. Ich möchte:

  • gut für meine Kinder sorgen
  • ihnen Orientierung geben und für sie verständlich handeln
  • mit ihnen verbunden sein (zum Beispiel auch indem wir den Urlaub gemeinsam abschließen – die gemeinsame Rückfahrt ist ja schließlich so eine Art Ritual)

Danach wird der Entscheider gefragt, welche Bedürfnisse er zu erfüllen versucht. Diese Frage hatte ich ja schon beantwortet:

  • Zeit für mich, in der ich selbst bestimmen kann, was ich wann tue und wie lange! Schlafen. Lesen. Spazieren gehen. Kaffee trinken. Oder einfach nur in die Luft schauen!
  • meine eigenen Impulse spüren und ihnen nachgehen
  • verbunden sein mit Erde und Himmel, Luft und Meer
  • neue Energie tanken

Schließlich stellt man die Bedürfnisse beider Seiten nebeneinander. Gibt es einen Weg, für die Erfüllung aller Bedürfnisse zu sorgen?

Oft ist dieser letzte Schritt gar nicht unbedingt notwendig. Wenn man sich mit seinen Bedürfnissen verbindet, entspannt sich innerlich meistens schon so viel, dass gar nichts weiter zu tun ist. Als ich die Bedürfnisse beider Seiten quasi in meinen beiden Händen abgewogen habe, wurde mir schnell klar, dass ich gut für meine Kinder sorge, indem ich mir diese Auszeit nehme! Ich brauche es, mit mir in Verbindung zu sein und meine Akkus aufzuladen, um auch wieder gut für sie da sein zu können. Mit dieser inneren Klarheit konnte ich offenbar gut rüber bringen, worum es mir geht. „Okay“, sagte der Große, als ich erklärt habe, dass ich noch zwei Tage bleibe. Und der Kleine meinte begeistert: „Dann bist du ganz alleine. Dann kannst du ganz in Ruhe schlafen.“ – Genau!!!

Manchmal muss man auch um Bedürfnisse trauern, die (zumindest jetzt) nicht erfüllt werden können. In meinem Fall war es der Wunsch, mit meiner Familie gemeinsam den Urlaub abzuschließen und so mit ihnen verbunden zu sein. Als sie gefahren sind, war ich ganz schön traurig. Aber es war ein anderes traurig als vorher. Es fühlte sich richtig an.

Und als ich dann – nachdem ich so lange gewunken hatte, bis das Auto nicht mehr zu sehen war – losgegangen bin, um meine Freiheit zu genießen, habe ich auf der Straße einen Bierdeckel gefunden mit der Aufschrift: Always trust your inner voice!

Echt jetzt!

Wie lebt das Bedürfnis in dir? (GfK #4)

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Ganz inspiriert komme ich von der Übungsgruppe für gewaltfreie Kommunikation (GfK) zurück. Wir haben eine Übung gemacht, in der es darum ging, ein ausgewähltes Bedürfnis körperlich zu spüren. Die Frage war: Wie lebt das Bedürfnis nach … in dir?

Ich habe mein Bedürfnis nach „Verbundenheit mit dem Leben“ erkundet. Zum einen ist das mein Jahresmotto in diesem Jahr. Zum anderen war das eine tiefgreifende und prägende Erfahrung vor fünf Jahren auf einer Wüstenreise.

Das war spannend! Auf die Frage: Wie lebt das Bedürfnis nach Verbundenheit mit dem Leben in dir? stellten sich nacheinander allerhand Körperempfindungen ein. Zuerst war da ein Kribbeln und Pulsieren in der Mitte der Stirn, im Bereich des dritten Auges. Dann kam eine starke Wachheit in der Herzgegend dazu. Und immer stärker wurde eine Empfindung im ganzen Körper, auf der Oberfläche, an der Haut. Es war ein Kribbeln, ein Schauer, eine Empfindung von Kühle und Wachheit.

Kein Wunder, habe ich gedacht! Verbunden zu sein, hat etwas mit Kontakt zu tun. Da geht es um Berührung, um Sinnlichkeit, um Wahrnehmung (auch) über die Haut. Die Menschen, die mir lieb sind, will ich auch körperlich spüren. Allen voran meinen Mann und meine Kinder. Und auch die Verbindung zur Natur geht über die Sinne. Übers Wahrnehmen, über den unmittelbaren Kontakt. Es ist mir inzwischen so unglaublich wichtig, dass ich meinen Kindern – mitten im Großstadtleben – diese Dimension eröffne. Ich halte sie für unabdingbar, wenn wir die Dinge auf diesem Planeten in bessere Bahnen lenken wollen.

Und dass sich, wenn es um Verbundenheit mit dem Leben geht, auch die Herzgegend und das dritte Auge ins Gewahrsein bringen, ist für mich absolut stimmig. Verbunden bin ich mit Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind. Und wenn ich auf der spirituellen Ebene Verbundenheit lebe, öffnet hier das dritte Auge die Wahrnehmung.

Ich bin so dankbar für die Bereicherung meiner Wahrnehmung, hinter meinen Gedanken und Gefühlen die Bedürfnisse wahrzunehmen. Bedürfnisse sind immer etwas Positives. Sie tragen Kraft in sich und sie verbinden uns mit anderen Menschen.

Unterwegs Bedürfnisse erkunden (GfK #3)

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Am Wochenende hatte ich ein wunderbares Seminar in der Schweiz. (Dazu an anderer Stelle mehr!) Die Zugfahrt hat mich durch halb Deutschland geführt, und ich bin in den Genuss gekommen, mit der Schwarzwald-Bahn quer durch verschlungene Täler und über weite Höhen des Schwarzwalds zu fahren. Dabei hatte ich reichlich Gelegenheit, mich in der Erkundung meiner Bedürfnisse zu üben.

Beim Blick aus dem Fenster hatte ich nämlich ganz viele Das will ich auch!-Impulse. Aus der Achtsamkeits-Schulung (MBSR) kenne ich die Übung, die eigenen Gedanken zu beobachten. Dabei ist es hilfreich, innerlich einmal kurz zu benennen, was gerade in mir vorgeht. Wenn ich z.B. denke: Oh, ich muss mich dringend noch zum Seminar anmelden!, dann benenne ich es: Planen. Oder wenn mir durch den Kopf schießt: Was hat die denn für einen schrägen Hut auf?, dann nehme ich wahr, was ich gerade tue: Urteilen. Und während der Bahnfahrt habe ich bemerkt, dass mir ganz viel Haben-Wollen im Kopf rumspukt.

Das großartige an der gewaltfreien Kommunikation (GfK) ist, dass sie noch einen Schritt weiter geht. Es geht auch hier darum, Gedanken und Gefühle wahrzunehmen, dann aber noch tiefer zu gehen und die darunter liegenden Bedürfnisse ans Licht zu bringen. Ich habe also – jedes Mal, wenn ich beim Blick aus dem Fenster etwas gesehen habe, wo in mir ein Das will ich auch! anspringt – Ausschau gehalten, welches Bedürfnis sich darin zu Wort meldet.

Hier eine Auswahl an Haben-Wollen-Impulsen und den Bedürfnissen, die ich darin ausgemacht habe:

eine wunderschöne, idyllische Terasse – Erholung, Schönheit

Menschen sitzen in der Sonne, im Gras, am Fluss – Erholung, unmittelbarer Kontakt mit der Natur

Radfahrer – Bewegung, Entspannung, Natur um mich herum

eine Frau im Liegestuhl – Entspannung, Ruhe

das Tomate-Mozzarella-Brötchen meines Sitznachbarn im Zug – Geniessen

der Wald – sinnlicher Kontakt mit der Natur, Ruhe, Erholung

ein Fluss – Erfrischung, den Körper und meine Lebendigkeit spüren

die idyllischen Schwarzwaldhäuser: holzverkleidet, mit kleinen Fenstern und einem riesigen Dachstuhl – Rückzug, Geborgenheit

und zuletzt ein Heißluftballon, schon in der Schweiz, über den Appenzeller Bergen – Ruhe, Frieden, Freiheit

Nach dieser kleinen Übung war mir völlig klar, dass ich dringend erholungsbedürftig bin! Ich sehne mich danach, in der Natur zu sein und meinen Körper (in Bewegung) zu spüren. Das hat mir das Seminar zwar weniger geboten, dafür hatte ich aber eine klare Vorstellung davon, wie ich meine freie Zeit gestalte: wandern, im Liegestuhl unter einer Linde liegen und abends, zum Teil in eine Wolldecke eingewickelt, ein Glas Wein unter freiem Himmel trinken… Immer mit Blick auf die Berge! Herrlich! Zusammen mit der Inspiration des Seminars komme ich jetzt wirklich erholt und genährt wieder zurück!

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Eine Sonntagsfreude – mit Gruß in die Schweiz!

Lass dein Kind führen

Häufig sieht unser Alltag so aus: KiTa, Tagesmutter und Arbeit geben den Takt vor. Ich höre mich ständig Sätze sagen wie: „Komm schnell! Los jetzt! Beeil dich! Wir sind schon spät dran.“ Dem Rhythmus der Kinder entspricht das ganz und gar nicht. Sie sind mitten ins Spiel vertieft, müssen gerade noch ein Lego-Projekt fertig bauen oder wollen verstecken spielen, während ich auf allen Vieren versuche, ihnen Jacke, Schal und Mütze anzuziehen.

Ganz schön kräftezehrend! Geht das auch anders? Bestimmt nicht immer. Gerade wenn wir vorgegebene Zeiten einhalten müssen oder wollen. Also vor allen Dingen morgens. Aber zum Glück hat der Tag ja noch mehr Stunden! Zu bestimmten Zeiten nehme ich mir deshalb fest vor, mein Kind führen zu lassen. Und ich mache für mich eine Übung daraus.

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Meine Übungszeit ist zum Beispiel immer, wenn ich mit unserem Kleinen im Tierpark bin. Dann gibt er den Takt vor. Und den Weg. Und die Aktivität. Mehr als alles andere liebt er die Enten. Ich finde ja, es gibt durchaus größere Attraktionen als die gewöhnliche Stockente. Aber er ist da anderer Ansicht. Und er bestimmt! Ich halte mich zurück mit: „Komm, lass uns mal die Esel anschauen! Wollen wir nicht zu den Pfauen gehen? Hast du den Hirsch schon gesehen?“ Und wenn er der Meinung ist, dass die Tiere heute gar nicht interessant sind, sondern dass es viel spannender ist, Blätter ins Wasser zu werfen, dann schaue ich ihm zu oder mache mit.

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Ich mache für mich bewusst eine Übung daraus. Ich achte auf meine Impulse, ohne sie umzusetzen. Ich beobachte, wie mein innerer Antreiber immer neue Ideen parat hat. Ich nehme wahr, wie es sich anfühlt, geführt zu werden – auch wenn ich selbst eine ganz andere Wahl treffen würde. Und ich nehme die Welt aus den Augen meines Kindes wahr. Es nimmt ganz andere Dinge wichtig, als ich das tue.

Ich übe auf diese Weise drei Dinge: wahr-nehmen, mich führen lassen und staunen. Alle drei haben für mich eine spirituelle Dimension. Es ist eine Übung, die ich natürlich auch sonst jederzeit im Alltag machen kann. Meinen Kindern schenke ich damit aber wertvolle Zeit, in der sie den Ton angeben und tun, was ihnen einfach nur Spaß macht.