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Wann leuchten die Augen unserer Kinder?

Bei mir war echt die Luft raus! Andauernder Stress bei der Arbeit, ein Dreijähriger, wie er im Buche steht, chronischer Eisenmangel – ich weiß nicht genau, woran es liegt. Aber das ist wahrscheinlich auch egal. Wie bei so vielem: es gibt nicht die eine Ursache, die wir beheben müssten, und dann ist wieder alles in Ordnung.

Meine andauernde Erschöpfung hatte zur Folge, dass ich in Tränen ausgebrochen bin, wenn ich ein wütendes „Nein“ von meinem Kleinen hörte. Weil ich nicht wusste, wie ich die möglicherweise folgende nächste Schreiattacke überstehen sollte, die gut und gerne mal eine gefühlte Stunde dauern kann. Oder ich habe mich vor jedem „Nein“, das ich auszusprechen im Begriff war, gefragt, ob ich jetzt die Kraft habe, dieses Nein auch wirklich durchzuziehen. Mit allen Konsequenzen, also zum Beispiel die nächste Schreiattacke von unabsehbarer Dauer.

Ich schreibe in der Vergangenheit davon, weil sich die Situation inzwischen ein bisschen entspannt hat. Und das unter anderem deshalb, weil ich aus meiner Not heraus intensiv nach Strategien gesucht habe, die besser funktionieren als alles, was ich bisher im Repertiore hatte. Und ich bin fündig geworden! Einige der Methoden, Strategien und Haltungen werde ich hier auf dem Blog in nächster Zeit vorstellen.

Das erste ist die schlichte Frage: Wann leuchten die Augen meiner Kinder?

Ich bin drauf gestoßen durch diesen Vortrag von Gerald Hüther.

Ungefähr ab Minute 26 spricht er darüber, dass Lernen (in diesem Fall bei Down-Kindern, aber das gilt für ‚gesunde‘ Kinder genauso) nur funktioniert, wenn ihre Begeisterung geweckt ist. Sprich: Wenn die Augen leuchten!

Ich war von dem Vortrag so inspiriert, dass ich mir vorgenommen habe, bewusst darauf zu achten: Wann leuchten denn eigentlich die Augen meiner Kinder? Ich hatte im Kopf, dass ich die Themen und Aktivitäten gezielter fördern möchte, bei denen ihre Begeisterung sichtbar zum Ausdruck kommt. Vielleicht kommt das irgendwann später auch noch mal. Der erste Effekt war aber, dass sich bei mir etwas verändert hat.

Ich nehme meine Jungs wieder bewusster wahr. Und zwar nicht nur dann, wenn sie mich anstrengen und mir den letzten Nerv rauben. Sondern genau in den Augenblicken, in denen sie einfach nur bezaubernd sind! Sie strahlen vor Begeisterung und sprühen nur so vor Lebensenergie. Und der Funke springt über. Ich lasse mich mit begeistern. Ich freue mich mit ihnen. Ich verbinde mich innerlich mit meinen Jungs und ihrem Erleben der Welt. Ich merke, wie ich mich anstecken lasse und dadurch ein Stückchen mehr Leichtigkeit einkehrt.

Weil ich diese Momente bewusst auskoste und die Intensität der Verbindung in mich aufnehme, dauert der Augenkontakt eine kleine Weile länger als gewohnt. Wir spüren in dem Moment wirklich die Verbindung. Ich kann es nicht sicher sagen, aber ich glaube, diese einfache Tatsache führt dazu, dass die Kinder entspannter und kooperativer sind. Einfach, weil sie gesehen werden.

Wann leuchten die Augen meiner Kinder? Dieser einfache Blickwechsel hat also gleich zwei schönen Konsequenzen: Ich fühle mich leichter und lebendiger. Und meine Kinder erfahren, dass sie gesehen werden. – Und das stärkt unsere Verbindung!

Ab nach draußen!

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Dass es wichtig ist, dass Kinder draußen spielen, weiß man ja. Irgendwie. Aber wenn man richtig gute Gründe dafür hat, macht es noch viel mehr Spaß, bei (fast) jedem Wetter mit den Kleinen rauszugehen! Gute Gründe gibt es natürlich viele, nachzulesen zum Beispiel hier und hier. Und seit ich den Film „Zwischen zwei Welten – Kinder im medialen Zeitalter“ gesehen habe, kenne ich noch einen Grund mehr.

Hier geht es um die Hirnentwicklung unserer Kinder. Anders als Tiere kommen Menschenkinder nicht mit einem fertig entwickelten Gehirn zur Welt. Ein Huhn hat nicht viele Entwicklungsmöglichkeiten. Es scharrt im Gras und pickt Körner und legt Eier. Und diese Möglichkeiten sind von Anfang an in ihm angelegt. Ein Huhn ist ein Huhn ist ein Huhn. Anders bei uns Menschen. Welche Fähigkeiten wir ausbilden, ist nicht von Geburt an festgelegt. Es sind unzählige Möglichkeiten angelegt, es müssen erst Verknüpfungen und Verschaltungen gebildet werden. Unser Gehirn muss sozusagen erst gebrauchsfertig werden.

Und dabei spielen die Sinneserfahrungen eine zentrale Rolle. Das Gehirn setzt das, was unsere Sinne übermitteln, in Aktivität der Neuronen um. Je mehr die Sinne aktiv sind, desto vernetzter entwickelt sich das Netzwerk in den Köpfen der Kinder. Sehen, hören, riechen, schmecken, tasten! Klar, dass die Sinne draußen viel mehr zu tun haben, als wenn wir drinnen in der Stube hocken. Der Wind rauscht durch die Blätter und durch unsere Haare. Das Sonnenlicht bricht sich in jedem Moment anders durch die Wolken. Und Kinder tauchen ja noch viel mehr ein als wir Großen, die wir in der Regel über einen Waldspaziergang und das Sitzen auf der Parkbank nicht hinauskommen. Meine Jungs springen kopfüber in die großen Laubhaufen, die wir gerade täglich in unserem Garten zusammen kehren. Sie wirbeln die Blätter herum, laufen drunter durch und lassen sich mitten reinfallen… Mehr Arbeit können die Sinne nicht haben! Und die Neuronen auch nicht!

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Es liegt auf der Hand, warum jegliche Bildschirmmedien – wie pädagogisch wertvoll sie auch sein mögen – das nicht leisten können. Man schaue sich nur mal Kinder an, die vor dem Fernseher sitzen: bewegungslos, ein starrer Blick, wie in Trance. Daran ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Aber es sind eben nur zwei Sinne aktiviert, der Seh- und der Hörsinn, und die beiden auch nur sehr eingeschränkt. Jeder Bildschirm kann mit den Sinneseindrücken, die es draußen in der Natur aufzunehmen gibt, nicht mithalten.

Die Autoren des Films „Zwischen den Welten“ empfehlen deshalb ein „Neuronenschutzprogramm“. Es besteht erstens aus einer klaren Haltung der Eltern – das, was ich hier beschreibe. Der zweite Punkt ist eine „Zwei-Welten-Waage“: im Kindergartenalter sollen sich 10 Minuten Mediennutzung mit 40 Minuten freiem Spiel, am besten draußen, die Waage halten. Das funktioniert – drittens – gemeinsam mit den Kindern, wenn sie, in einfachen Worten, erklärt bekommen, was in ihrem Oberstübchen passiert und wie sie ihr Hirn fit halten können.

Wenn meine Jungs also den ganzen Nachmittag im Garten gespielt haben und sie völlig verdreckt, aber glücklich aus den Laubhaufen wieder auftauchen, freue ich mich insgeheim und denke mir: JA! Das ist echte Frühförderung!!!

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Zu Gast bei Grünzeug und Sonntagsfreude.

Unterwegs Bedürfnisse erkunden (GfK #3)

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Am Wochenende hatte ich ein wunderbares Seminar in der Schweiz. (Dazu an anderer Stelle mehr!) Die Zugfahrt hat mich durch halb Deutschland geführt, und ich bin in den Genuss gekommen, mit der Schwarzwald-Bahn quer durch verschlungene Täler und über weite Höhen des Schwarzwalds zu fahren. Dabei hatte ich reichlich Gelegenheit, mich in der Erkundung meiner Bedürfnisse zu üben.

Beim Blick aus dem Fenster hatte ich nämlich ganz viele Das will ich auch!-Impulse. Aus der Achtsamkeits-Schulung (MBSR) kenne ich die Übung, die eigenen Gedanken zu beobachten. Dabei ist es hilfreich, innerlich einmal kurz zu benennen, was gerade in mir vorgeht. Wenn ich z.B. denke: Oh, ich muss mich dringend noch zum Seminar anmelden!, dann benenne ich es: Planen. Oder wenn mir durch den Kopf schießt: Was hat die denn für einen schrägen Hut auf?, dann nehme ich wahr, was ich gerade tue: Urteilen. Und während der Bahnfahrt habe ich bemerkt, dass mir ganz viel Haben-Wollen im Kopf rumspukt.

Das großartige an der gewaltfreien Kommunikation (GfK) ist, dass sie noch einen Schritt weiter geht. Es geht auch hier darum, Gedanken und Gefühle wahrzunehmen, dann aber noch tiefer zu gehen und die darunter liegenden Bedürfnisse ans Licht zu bringen. Ich habe also – jedes Mal, wenn ich beim Blick aus dem Fenster etwas gesehen habe, wo in mir ein Das will ich auch! anspringt – Ausschau gehalten, welches Bedürfnis sich darin zu Wort meldet.

Hier eine Auswahl an Haben-Wollen-Impulsen und den Bedürfnissen, die ich darin ausgemacht habe:

eine wunderschöne, idyllische Terasse – Erholung, Schönheit

Menschen sitzen in der Sonne, im Gras, am Fluss – Erholung, unmittelbarer Kontakt mit der Natur

Radfahrer – Bewegung, Entspannung, Natur um mich herum

eine Frau im Liegestuhl – Entspannung, Ruhe

das Tomate-Mozzarella-Brötchen meines Sitznachbarn im Zug – Geniessen

der Wald – sinnlicher Kontakt mit der Natur, Ruhe, Erholung

ein Fluss – Erfrischung, den Körper und meine Lebendigkeit spüren

die idyllischen Schwarzwaldhäuser: holzverkleidet, mit kleinen Fenstern und einem riesigen Dachstuhl – Rückzug, Geborgenheit

und zuletzt ein Heißluftballon, schon in der Schweiz, über den Appenzeller Bergen – Ruhe, Frieden, Freiheit

Nach dieser kleinen Übung war mir völlig klar, dass ich dringend erholungsbedürftig bin! Ich sehne mich danach, in der Natur zu sein und meinen Körper (in Bewegung) zu spüren. Das hat mir das Seminar zwar weniger geboten, dafür hatte ich aber eine klare Vorstellung davon, wie ich meine freie Zeit gestalte: wandern, im Liegestuhl unter einer Linde liegen und abends, zum Teil in eine Wolldecke eingewickelt, ein Glas Wein unter freiem Himmel trinken… Immer mit Blick auf die Berge! Herrlich! Zusammen mit der Inspiration des Seminars komme ich jetzt wirklich erholt und genährt wieder zurück!

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Eine Sonntagsfreude – mit Gruß in die Schweiz!

Kopernikanische Wende (GfK #2)

Meine Begeisterung für die gewaltfreie Kommunikation (GfK) wächst von Tag zu Tag und von Wort zu Wort, das ich von Marschall Rosenberg lese. Was gerade geschieht, ist nicht weniger als eine kopernikanische Wende in meiner Wahrnehmung! Es ist die Wendung von außen nach innen, vom Du zum Ich.

Aber mal langsam. Worum geht es genau?

Ich erinnere mich noch gut, wie ich an einem Wochenmantra in meinem artgerecht-Planer hängen geblieben bin. Es ging darum, wie wichtig für Kinder die Botschaft ist: „Du bist nicht schuld!“ Kinder beziehen alles auf sich selbst, deshalb ist es so wichtig, sie zu entlasten. Zum Beispiel: Ich bin grad total genervt, aber du bist nicht schuld!

So weit, so gut! Aber wie soll das bitte schön funktionieren, wenn es sich gerade genau so anfühlt: Ich bin total genervt, und das ist absolut deine Schuld!!! Eine typische Situation: wenn wir morgens aus dem Haus gehen. Wir sind ohnehin spät dran, ich habe schon siebenundzwanzig Mal gerufen: Kommt, Schuhe anziehen! – ohne Reaktion – und habe ich die Kinder endlich im Flur versammelt, wird plötzlich alles zum Drama! Das Schildchen im T-Shirt zwickt, die Socken sind falsch, wir finden die Handschuhe nicht (ja, die braucht Kind auch im Mai!) und die Diskussion, warum wir nicht mit dem Auto, sondern mit dem Fahrrad zur KiTa fahren, beginnt jeden Morgen von vorn. Und endet mit Gebrüll! Ich bin fertig mit den Nerven, stehe total unter Druck, weil ich schon wieder zu spät zur Arbeit komme und würde die Kinder am liebsten kurz und klein brüllen. Ja: Ich bin total genervt, und das ist absolut deine Schuld!!!

So fühlte sich das bisher an. Inzwischen habe ich etwas Entscheidendes verstanden! Nämlich wie Gefühle und Bedürfnisse zusammen hängen. Meine Gefühle entstehen nicht, weil jemand anderes etwas falsch macht. Meine (unangenehmen) Gefühle zeigen an, dass eine Lücke besteht zwischen der aktuellen Situation und meinen Bedürfnissen. Nicht mein Gegenüber ist schuld daran, wie ich mich fühle, sondern meine unerfüllten Bedürfnisse melden sich in den Gefühlen zu Wort.

Die Formulierung: Ich bin genervt, weil du dies und das tust! wird mit Hilfe der GfK nur minimal verändert, aber mit großer Wirkung: Ich bin genervt, weil ich dies und das brauche! In meinem Fall: Ich bin genervt, weil ich pünktlich sein möchte und mir für unseren Start in den Tag mehr Leichtigkeit wünsche! Und da geht es nicht in erster Linie um sprachliche Feinheiten. Es geht um eine ganz andere Wahrnehmung! Habe ich den Blick auf dem (angeblichen Fehl-)Verhalten des andern oder richte ich meine Wahrnehmung auf meine eigenen Bedürfnisse?

Diese neue Wahrnehmung allein führt noch nicht dazu, dass bei uns morgens alles fluppt. Trotzdem ändert sie unendlich viel:

1. Es entspannt, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Dieser kleine Moment an Selbst-Empathie ist ungeheuer hilfreich: Warum fühlt sich gerade alles so verkehrt an? Genau, weil es mir wichtig ist, pünktlich und verlässlich zu sein. Und weil ich mir Leichtigkeit in unserem Zusammenleben wünsche. Ich bin in Kontakt mit mir selbst und dadurch ein ganzes Stück gelassener.

2. Ich schaue milder auf meine Kinder – oder wer auch immer gerade mein Gegenüber ist. Wenn ich im Vorwurfs-Modus bin, ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir eine gute Lösung finden, relativ gering. Im Gegenteil, die Eskalation ist eigentlich schon vorprogrammiert. Wenn ich aber in Kontakt bin mit dem, was ich gerade brauche, bin ich offener, nach Wegen zu suchen, die für uns alle funktionieren. Und dann ist es tatsächlich möglich, die Kinder zu entlasten: Ich bin grad total genervt, aber du bist nicht schuld!

Meine Erkenntnis dreht sich letztlich darum, ein Personalpronomen und den Bezugsrahmen auszutauschen. Nicht mehr: Ich fühle …, weil du … tust (Verhalten des anderen). Statt dessen: Ich fühle …, weil ich … brauche (eigene Bedürfnisse).

Das schreibt sich so einfach, ist aber alles andere als leicht. Ich bin diese Art der Wahrnehmung nicht gewohnt. Ich habe sie schlicht nicht gelernt. Deshalb fühlt sie sich für mich mindestens wie eine kopernikanische Wende an. Ob diese Erkenntnis tatsächlich eine entscheidende Wende in meiner Kommunikation bedeutet – das muss die Zeit erst noch zeigen…

Was ist in dir lebendig? (GfK #1)

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Diese Frage finde ich so wundervoll! Sie lenkt die Aufmerksamkeit liebevoll nach innen. Sie macht Lust, sich mit sich selbst zu verbinden. Und nachzuforschen: Was ist in mir lebendig? Jetzt, in diesem Augenblick?

Es ist die zentrale Frage in der gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Auf verschiedenen Kanälen ist die gewaltfreie Kommunikation – kurz: GfK – in den letzten Wochen zu mir gekommen und lässt mich seitdem nicht mehr los. Es steckt so viel an Wahrheit und Schönheit in dieser Idee, die viel mehr ist als einfach nur ein Kommunikationsmodell. Es ist eine Haltung, ein (heilsames!) Menschen- und Weltbild!

Meine Vorstellungen zur GfK beschränkten sich bisher darauf, dass es wichtig ist, Ich-Botschaften zu senden. Das ist zwar nicht falsch, hat mit GfK aber ungefähr soviel zu tun, wie Instantpulver mit einem frisch aufgebrühten Cappuccino! Weil ich meine Entdeckungen so wertvoll und bereichernd finde – gerade auch im Blick auf die Kinder -, werde ich hier in der kommenden Zeit einiges davon in Worte fassen.

„Gewalt-freie“ Kommunikation ist übrigens nicht unbedingt eine glückliche Bezeichnung für diese Art, sich mit sich selbst und mit anderen zu verbinden. In der GfK geht es nämlich unter anderem darum, sich darüber klar zu werden, was man will und braucht, und das dann positiv zu formulieren. Also nicht: Ich will keinen Stress mehr haben. Sondern: Ich brauche… – ja, was denn eigentlich? – Ruhe, Entspannung, Unterstützung, Anerkennung, ein friedvolles Miteinander…? Im Sinne der GfK ist es vielleicht passend, von Bedürfnis-basierter Kommunikation zu sprechen. Es geht darum, Gefühle und Bedürfnisse zunächst einmal wahr-zunehmen und sich dann auf dieser Basis mit anderen zu verbinden. Wer das nicht gelernt hat – wie wahrscheinlich die meisten von uns – merkt schnell, dass das einfacher gesagt ist als getan! Oh ja! Wie so viele gute Dinge im Leben: GfK ist einfach, aber nicht leicht! 🙂

Die Giraffe ist übrigens das Symboltier für die GfK. Mit ihrem langen Hals hat sie eine besondere Weitsicht. Und da sie das größte Herz aller Säugetiere hat, steht sie für die wichtige Fähigkeit zum Mitgefühl.

Und? Was ist in dir lebendig?

Meditieren mit Kindern #2

Im Leben mit kleinen Kindern Zeit für Meditation zu finden, ist gar nicht so einfach. Morgens oder abends, wenn die Kinder schlafen, schaffe ich es in der Regel nicht, mich aufs Kissen zu setzen. Also versuche ich, Meditationszeiten mitten in den trubeligen Alltag einzubauen, wenn die Kinder drumherum spielen, mir zuschauen oder vielleicht sogar mitmachen.

Dabei gibt es ein paar Dinge, die es mir und uns einfacher machen.

Hilfreich ist auf jeden Fall Vorerfahrung mit Meditation. Ich kenne verschiedene Formen von Meditation und Kontemplation und übe mich darin – in unterschiedlicher Intensität – seit gut 15 Jahren. Lange Zeit habe ich das stille Sitzen dazu genutzt, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Die äußeren Reize waren auf ein Minimum reduziert und endlich war mal Zeit, meine Gedanken bis zu Ende zu denken. Unglaublich, welche Wege der eigene Geist in kürzester Zeit zurücklegt und wo man innerhalb von 15 Minuten landen kann. Die Stille hat mir immer gut getan, aber ich habe erst viel später verstanden, dass es bei der Meditation um etwas anderes geht. Erst durch bestimmte Achtsamkeitsübungen (aus der MBSR-Schule) und eine spirituelle Praxis (wie diese hier) wurde mir klar, um was es eigentlich geht: ganz im Hier und Jetzt sein, mit einem wachen Geist und mit allen Sinnen. Und weil der Geist gerne in die unterschiedlichsten Richtungen davon flattert, ist es einfacher, wenn ich meine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Fokus richte – auf den Atem, auf Körperwahrnehmungen, auf die Beobachtung von Gedanken und Gefühlen oder auf ein innerlich wiederholtes Mantra. Um diese fokussierte Aufmerksamkeit zu üben, braucht es nicht unbedingt absolute Stille um mich herum. Das geht genauso, wenn die Kinder gerade die Legosteine durcheinander wirbeln, die Zahlen auf dem Timer vorlesen oder auf meinen Schoß klettern. Ich kehre immer wieder zurück zu meiner Übung im Hier und Jetzt.

Für die Kinder ist es klarer, wenn es einen besonders gestalteten Ort gibt. Dieser Ort markiert: Mama macht gerade ihre stille Zeit. Sie ist jetzt beschäftigt. Wenn sie aufsteht, ist sie wieder für uns da. Bei uns ist dieser Ort noch im Entstehen. Ich habe eine Servierplatte umfunktioniert (das schwedische Möbelhaus machts möglich), quasi als kleinen Altar, den ich mit besonderen Gegenständen geschmückt habe: eine Kerze, eine Blume, ein schöner Stein, ein kleiner Engel. Ich stelle mir vor, dass die Kinder diesen Ort in Zukunft mitgestalten – mit Fundstücken aus der Natur, Bildern, mit Dingen, die ihnen wichtig sind.

Für die Kinder ist zudem ein Zeitmesser hilfreich, etwas, das das Vergehen der Zeit sichtbar macht. Ich nutze diesen kleinen Timer, bei dem man Tonsignal, Vibrationsalarm und ein Lichtsignal beliebig miteinander kombinieren kann. Unser großer Kleiner ist fasziniert von Zahlen, er zählt vorwärts und rückwärts, und er verfolgt genau die wechselnden Zahlen auf dem Timer. Bei kleineren Kindern kann eine Sanduhr gute Dienste leisten. Sie macht einen kurzen Zeitraum und seine Begrenzung optisch sichtbar.

Damit die Auszeit funktionieren kann, ist es natürlich wichtig, dass gerade alle wichtigen Bedürfnisse der Kinder gestillt sind. Ein guter Zeitpunkt ist deshalb zum Beispiel nach der Raubtierfütterung. Und wenn die Kleinen vorher auch noch eine ordentliche Portion von Mamas Aufmerksamkeit bekommen haben, dann hilft das auf jeden Fall, sie jetzt für eine kleine Weile zu entbehren.

Lass dein Kind führen

Häufig sieht unser Alltag so aus: KiTa, Tagesmutter und Arbeit geben den Takt vor. Ich höre mich ständig Sätze sagen wie: „Komm schnell! Los jetzt! Beeil dich! Wir sind schon spät dran.“ Dem Rhythmus der Kinder entspricht das ganz und gar nicht. Sie sind mitten ins Spiel vertieft, müssen gerade noch ein Lego-Projekt fertig bauen oder wollen verstecken spielen, während ich auf allen Vieren versuche, ihnen Jacke, Schal und Mütze anzuziehen.

Ganz schön kräftezehrend! Geht das auch anders? Bestimmt nicht immer. Gerade wenn wir vorgegebene Zeiten einhalten müssen oder wollen. Also vor allen Dingen morgens. Aber zum Glück hat der Tag ja noch mehr Stunden! Zu bestimmten Zeiten nehme ich mir deshalb fest vor, mein Kind führen zu lassen. Und ich mache für mich eine Übung daraus.

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Meine Übungszeit ist zum Beispiel immer, wenn ich mit unserem Kleinen im Tierpark bin. Dann gibt er den Takt vor. Und den Weg. Und die Aktivität. Mehr als alles andere liebt er die Enten. Ich finde ja, es gibt durchaus größere Attraktionen als die gewöhnliche Stockente. Aber er ist da anderer Ansicht. Und er bestimmt! Ich halte mich zurück mit: „Komm, lass uns mal die Esel anschauen! Wollen wir nicht zu den Pfauen gehen? Hast du den Hirsch schon gesehen?“ Und wenn er der Meinung ist, dass die Tiere heute gar nicht interessant sind, sondern dass es viel spannender ist, Blätter ins Wasser zu werfen, dann schaue ich ihm zu oder mache mit.

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Ich mache für mich bewusst eine Übung daraus. Ich achte auf meine Impulse, ohne sie umzusetzen. Ich beobachte, wie mein innerer Antreiber immer neue Ideen parat hat. Ich nehme wahr, wie es sich anfühlt, geführt zu werden – auch wenn ich selbst eine ganz andere Wahl treffen würde. Und ich nehme die Welt aus den Augen meines Kindes wahr. Es nimmt ganz andere Dinge wichtig, als ich das tue.

Ich übe auf diese Weise drei Dinge: wahr-nehmen, mich führen lassen und staunen. Alle drei haben für mich eine spirituelle Dimension. Es ist eine Übung, die ich natürlich auch sonst jederzeit im Alltag machen kann. Meinen Kindern schenke ich damit aber wertvolle Zeit, in der sie den Ton angeben und tun, was ihnen einfach nur Spaß macht.