Archiv der Kategorie: windel|frei

windelfrei update

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Fast sah es so aus, als hätten wir uns von windelfrei verabschiedet. Das ganze erste Jahr hindurch ging zumindest das große Geschäft nicht in die Windel, sondern immer sofort dahin, wo es hin gehört. Und auch das Pinkeln haben wir zu bestimmten Zeiten wenigstens regelmäßig abgepasst. Dass zu unserer Form von windelfrei so gut wie immer auch Windeln gehörten, habe ich hier beschrieben.

Aber dann haben wir irgendwie den Faden verloren. Wie alles bei Kindern (und im Leben überhaupt) läuft auch windelfrei in Phasen ab. Werden die Kleinen mobiler und aktiver, haben sie plötzlich keine Zeit mehr, sich um ihre Ausscheidungen zu kümmern. Das war mir zwar bekannt, aber den richtigen Dreh für diese Phase habe ich nicht gefunden. Je länger das dauerte, desto größer wurde meine Sorge, dass wir die Errungenschaften des ersten Jahres komplett verlieren. Immerhin hat der Kleine ein Jahr lang seine Bedürfnisse mehr oder weniger zuverlässig kommuniziert und entsprechend sein Bewusstsein über diese Vorgänge bewahrt. Jetzt hatte ich die Sorge, dass er genau das wieder verliert und er in ein, zwei Jahren lernen muss, ohne Windeln klar zu kommen, als hätte es windelfrei bei uns nie gegeben.

Ich weiß gar nicht mehr genau, wie es kam, aber inzwischen haben wir eine neue Form für uns gefunden. Vielleicht ist es das Vorbild des großen Bruders, denn neuerdings übt das Töpfchen eine ungeheure Faszination auf den Kleinen aus. Unsere derzeitige windelfrei-Phase sieht also so aus: Immer, wenn ich den Kleinen wickele, frage ich ihn: Willst du mal Pipi machen? Willst du grad mal aufs Töpfchen gehen? Und ich bekomme immer eine sehr präzise Antwort! Wenn er nein sagt, dann ist es im Moment wirklich nicht dran. Oft fällt ihm aber genau in dem Augenblick ein, dass er doch vielleicht gerade mal muss. Also läuft er ins Badezimmer, setzt sich aufs Töpfchen und macht – manchmal nur ein paar Tröpfchen. Dann ist er aber so stolz, dass er mit leuchtenden Augen das Töpfchen durch die ganze Wohnung trägt, bis alle Familienmitglieder es zur Kenntnis genommen und Beifall geklatscht haben. Zu süß!

Dann gibt es immer wieder auch Phasen, wo er komplett ohne Windeln durch die Wohnung läuft. Ich knöpfe den Body seitlich, so dass ich ihn nicht komplett umziehen muss, wenn mal etwas daneben geht. Auch hier frage ich immer wieder zwischendurch, ob er grad muss. Und wenn mal was auf dem Boden landet, ist das auch nicht weiter schlimm. Wir haben nur Parkettboden oder Fliesen, und der Kleine kommt immer sofort angelaufen und sagt Bescheid, wenn es mal ein Malheur gab.

Bei unserem großen Kleinen wäre ich damals nie auf die Idee gekommen, ihn mit anderthalb Jahren zu fragen, ob er aufs Töpfchen gehen will. Bei unserem Kleinen bin ich froh, dass wir jetzt diese neue windelfrei-Form gefunden haben, und dass damit die „elimination communication“ weitergeht.

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Take care for your baby

Take care for your baby! Das sagte ein von mir sehr verehrter Lehrer bei einem Seminar, das ich – höchst schwanger mit unserem ersten Kind – vor einigen Jahren besucht habe. Ich hatte mir einen zweiten Stuhl besorgt, um meine Beine hochlegen zu können. Da wir bei sommerlichen Temperaturen die ganze Zeit gesessen haben, war das dringend nötig. Neben meinem Stuhl stand eine Flasche Wasser; ich war gut versorgt.

Take care for your baby! Das galt nicht mir, sondern den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Der Seminarleiter nahm meine besonderen Umstände zum Anlass, uns alle daran zu erinnern, gut auf uns selbst zu achten. Auf unsere Bedürfnisse. Auf das, was wir brauchen. Jetzt. In diesem Moment. Das kann durchaus etwas anderes sein, als der Seminarverlauf gerade vorgibt. Daher die Aufforderung: Take care for your baby!

Beim windelfrei-Treffen ging es neulich darum, was es für uns verändert hat, mit unseren Babys windelfrei „zu machen“. Das Entscheidende dabei ist ja, die Bedürfnisse des Babys wahrzunehmen – so gut wie eben möglich – und mit ihm darüber zu kommunizieren.

Das gelingt mir unterschiedlich gut. Wenn ich mit unserem Kleinen alleine bin, klappt es phasenweise richtig gut. Sobald Familie oder Freunde um mich herum sind, fällt mir diese Art der Wahrnehmung schon deutlich schwerer. Die wenigen Male, die ich im ersten Jahr mit Baby berufliche Termine wahrgenommen habe, war meine Aufmerksamkeit aber gänzlich von anderen Dingen beansprucht. Wenn der Kleine unzufrieden war, konnte ich nicht gut unterscheiden zwischen dem Bedürfnis zu Trinken, zu Schlafen, Auszuscheiden.

Mir ist bewusst geworden, dass das nicht nur für mein Baby gilt. Das gilt auch für mich. In beruflichen Kontakten bin ich ganz stark in meiner Rolle und bei meinem Gegenüber. In gewisser Weise „funktioniere“ ich dann. Ich finde es absolut wichtig, eine angemessene professionelle Haltung zu haben, und gewisse Routinen erleichtern zweifelsfrei die Arbeit. Trotzdem überlagert das „Funktionieren“ doch sehr deutlich das Wahrnehmen meiner eigenen Bedürfnisse. Was ich wahrnehme, ist oft nur ein diffuses Gefühl, dass etwas nicht stimmt oder dass ich irgendwie unzufrieden bin. Brauche ich eine Pause? Brauche ich Schlaf (ganz großes Thema gerade!)? Einfach ein Glas Wasser? Muss ich etwas grundsätzlich korrigieren? Nicht mit Freude bei der Sache zu sein, kann ein deutliches Zeichen dafür sein, dass ein grundlegendes Bedürfnis zu kurz kommt. Ich möchte aber nicht nur „funktionieren“, schließlich bin ich keine Maschine! Ich möchte mit meiner ganzen Person bei der Sache sein. Und mit Freude!

Deshalb habe ich mir vorgenommen, mir diese Erinnerung zu Herzen zu nehmen – auch wenn ich bald wieder mehr ohne Baby unterwegs sein werde: Take care for your baby!

Wie macht IHR das? Wie sorgt IHR für euch und eure Bedürfnisse, wenn’s darum geht zu „funktionieren“?

windelfrei

Heute war ich wieder beim windelfrei-Treffen. Ja, so etwas gibt es! Bis ungefähr vier Wochen nach der Geburt unseres zweiten (!) Kindes wusste ich auch nichts davon.

Um es gleich vorweg zu nehmen: wir machen windelfrei mit Windeln! „Windelfrei“ ist der Begriff, der sich im deutschsprachigen Raum eingebürgert hat, so dass jeder, der sich auskennt (!), weiß, was damit gemeint ist. Ob das Baby Windeln trägt oder nicht, ist dabei nicht das Entscheidende! Es geht darum, mit dem Baby über seine Bedürfnisse zu kommunizieren – auch über sein Bedürfnis, sein Geschäft zu verrichten. Im Englischen heißt dieses Phänomen dann auch elimination communication – Ausscheidungs-Kommunikation. Aber mal ehrlich, dann ist „windelfrei“ doch besser!

Wie ich auf windelfrei gestoßen bin, habe ich bereits beschrieben. Erst nachdem wir unseren großen Kleinen über zweieinhalb Jahre herkömmlich gewickelt hatten und der Kleine schon geboren war, habe ich davon gehört.

Nun, so ganz stimmt das nicht. Das Phänomen, dass Babys – gerade Neugeborene – mit ihrem Geschäft gerne warten, bis der Weg frei ist – also auf dem Wickeltisch – das kannten wir natürlich schon. Wie wahrscheinlich alle frischgebackenen Eltern. Und unsere Hebamme hatte uns auch erzählt, dass die Kinder in China aus genau diesem Grund keine Windeln tragen, sondern kleine Schlitzhosen, die sogenannten Kaidangkus. Man zieht sie im Schritt auseinander und schon ist der Weg frei. Aber woher wissen die Eltern, wann es soweit ist?

Ich bin vorher sogar schon einer Mutter begegnet, die mit ihrer gut einjährigen Tochter aufs Klo ging. Aber das habe ich nur so am Rande mitbekommen. Ich habe nie näher mit ihr darüber geredet und unter „windelfrei“ konnte ich mir, ehrlich gesagt, nur eine riesige Sauerei vorstellen.

Der missing link kam mit Julia Dibberns Buch Geborgene Babys. Es ist keine Wahrsagerei den richtigen Zeitpunkt zu treffen und auch keine Glückssache. Die Babys zeigen es! So einfach!

Es gibt verschiedene Signale, die die Babys aussenden, wenn sie spüren, dass sie müssen. Bei uns war es „hektisches Ab- und Andocken beim Stillen“. Das war mir in den ersten Wochen immer wieder aufgefallen und ich habe mich gewundert: Wenn er trinken will, warum trinkt er dann nicht? Ich hatte mir fest vorgenommen, meine Hebamme beim nächsten Besuch danach zu fragen, aber dazu kam es nicht. Als ich gelesen hatte, dass diese Hektik beim Stillen ein Zeichen sein kann, dass der Kleine mal muss, habe ich es einfach ausprobiert. Ich habe seine Windel ausgezogen und ihn übers Waschbecken gehalten. Und siehe da: promt kam sein großes Geschäft! Ich war verblüfft. Ehrlich gesagt, damit hatte ich nicht gerechnet. Seit diesem Moment – der Kleine war knapp vier Wochen alt – geht das große Geschäft so gut wie nicht mehr in die Windel.

Die Signale fürs Pinkeln nehme ich nicht so eindeutig war. Vielleicht sind sie schlicht nicht so deutlich, vielleicht sind meine Antennen nicht feinfühlig genug dafür. Daher trägt der Kleine schon die meiste Zeit über Windeln – Stoffwindeln inzwischen.

Im PEKiP-Kurs habe ich von meiner Entdeckung berichtet und dafür nur verwunderte Blicke geerntet (einschließlich der Kursleiterin!). Trotzdem sagten zwei Mütter sofort: Ja, das stimmt! Wenn sie pinkeln muss, dann macht sie immer so, und zeigten den entsprechenden Gesichtsausdruck ihrer Babys. Die Signale können sehr unterschiedlich sein – Bewegungen wie z.B. ein Strampeln, Mimik, Laute oder jene besagte Hektik beim Stillen – und eben auch unterschiedlich deutlich. Seitdem ich davon weiß, kann ich aber nicht mehr anders: ich kann sie nicht nicht wahrnehmen!

Es geht auch anders?!

In meiner zweiten Schwangerschaft habe ich keinen Ratgeber konsultiert, keine Hebammen-Sprechstunde gelesen und in keine Elternzeitschrift geschaut. Ich konnte immer nur sehr ungefähr sagen, in welcher Schwangerschaftswoche wir gerade waren. Ich wusste den errechneten Geburtstermin – das reichte!

Als der Kleine dann geboren war, hatte ich aber doch Lust, noch mal etwas Schönes zu lesen. In unserem wunderbaren Geburtshaus bin ich auf den Namen Julia Dibbern gestoßen. Ich habe ihr Buch Geborgene Babys bestellt, in der Annahme, all das bestätigt zu finden, was uns wichtig ist und was wir bereits beim ersten Kind gemacht hatten – Stillen, Tragen, Familienbett…

Dem war auch so! Die verblüffende Erkenntnis aber war, dass ich hier auf Themen gestossen bin, von denen ich vorher (so gut wie) nichts gehört hatte. „Windelfrei“ und „breifrei“ etwa. (Zu unseren Erfahrungen damit an anderer Stelle mehr.)

Natürlich haben wir unser erstes Kind vollzeit gewickelt – mit Wegwerfwindeln versteht sich! Und natürlich haben wir mit etwa sechs Monaten begonnen, Gemüse zu pürieren und zu löffeln – Möhre, Pastinake, Kürbis… Wie man das eben so macht!

Ob es dazu Alternativen geben könnte, danach habe ich nie gefragt. Es war jenseits meiner Vorstellungskraft. Es lag schlicht nicht in meinem Horizont.

Mit Brei-frei und Windel-frei lässt sich ja auch kein Geld verdienen. Daher wird man dazu keine Anzeige finden in einer der endlosen Baby-Zeitschriften, die einem von überall her ins Haus flattern.

Ich frage mich, für wie viele Bereiche unseres Lebens das gilt: es gibt alternative Handlungsweisen – die vielleicht sogar praktischer, kostengünstiger, umweltfreundlicher oder schlicht einfacher sind – von denen wir aber nichts (mehr) wissen?!