Mehr Matsch!

Nach unserem Umzug müssen wir uns an einen neuen Kindergarten gewöhnen – alle miteinander. Hier fällt mir auf, was letztlich auch für unsere alte Kita galt: wie künstlich die Welt ist, in der unsere Kinder leben. Die meiste Zeit des Tages spielen sie umringt von Mauern. Ich vermute, selten sind es mehr als zwei Stunden, die sie draußen verbringen, wenn überhaupt. (Wir haben – leider, leider, leider – keinen Platz im Waldkindergarten bekommen…) Innerhalb dieser Mauern aber hat eine kleine Schule Einzug erhalten. Da gibt es alles, was zukünftige Schülerinnen und Schüler lernen sollen: Turnen, Musik, Englisch, Sprachunterricht, naturwissenschaftliche Experimente. Natürlich alles ganz spielerisch und kindgerecht! Da kommen Muttersprachler ins Haus, um schon den Kleinsten ein Gefühl für die fremde Sprache zu vermitteln. Da werden teure Bewegungsmaterialien angeschafft, die die Kinder in ihrer psychomotorischen Entwicklung fördern sollen, wo es all das ein paar Meter weiter umsonst gibt: im Wald. Und frische Luft und eine Extraportion Vitamin D gratis dazu.

Was müssen Kinder lernen? Wie bereiten wir sie aufs Leben vor? Was brauchen sie, um im Leben anzukommen?

Andreas Weber sagt es mit dem Titel seines Buches: mehr Matsch! Er meint damit: mehr unmittelbare Erfahrungen mit den Elementen, mehr Kontakt zu anderen Kreaturen, mehr Freiheit unter freiem Himmel. Schlicht: mehr Lebendigkeit!

Kinder sind ein Ausbund an Lebendigkeit, und sie tragen ein inneres Suchprogramm in sich: sie suchen anderes Leben. Sie brauchen die Gegenwart von Pflanzen und Tieren, quasi als geistige Nahrung. Sie entdecken sich selbst in der Kraft und in der Verletzlichkeit anderer Wesen. Sie begreifen das Leben im Wachsen und Vergehen der Natur.

Das gilt auf einer grundlegenden physiologischen Ebene. Bestimmte Zellen in unserm Gehirn, die sogenannten Spiegelneuronen, sind dafür verantwortlich, dass wir fühlen, was unser Gegenüber zum Ausdruck bringt. Seine Freude und seinen Schmerz. Vermutlich gilt das nicht nur für menschliche Gegenüber, sondern auch für Tiere. Wir fühlen mit den anderen Wesen. Wir entdecken in ihnen die Welt von ihrer „Innenseite“, schreibt Andreas Weber. Das ist aber nicht mit der Nüchternheit von Faktenwissen zu beschreiben, sondern letztlich nur in Form von Poesie. Aber auf diese Weise begreifen wir intuitiv etwas von uns selbst und vom Leben überhaupt.

Ich erinnere mich an solche Erfahrungen, die sich mir tief eingeprägt haben. An den Seeadler, der im Zoo nur weniger Zentimeter über meinem Kopf seine Bahnen zog. An die Weite seiner Flügel, das Rauschen des Windes in seinem Gefieder. Seine Majestät und seine Erhabenheit haben mich zutiefst berührt und mir einen Geschmack von Freiheit vermittelt. Ich weiß noch, wie ich als Kind begeistert war, wenn wir in einem der Teiche der Umgebung Froschlaich entdeckt hatten. Wie gerne hätte ich die Metamorphose von diesem glibberigen Schleim zu einem quicklebendigen Frosch einmal mit eigenen Augen verfolgt. (Jeder Versuch, diese Wandlung in einem Einmachglas in mein Zimmer zu holen und mit gemopstem Fischfutter vom Aquarium meines Vaters zu unterstützen, ist leider kläglich gescheitert.) Wie sehr blühe ich bis heute auf, wenn im Frühling – wenn sich noch kaum ein grünes Blättchen nach draußen wagt – Magnolien ihre Blüten in aller Farbenpracht von weiß über rosa bis dunkelviolett in den frühlingsblauen Himmel strecken!

Wie viele dieser Erfahrungen machen unsere Kinder heute in einem durchgetakteten Leben, in dem sie – umringt von Mauern – eine Frühförderungsmaßnahme nach der nächsten durchlaufen? Was geht verloren, wenn der Kontakt zur Natur und zu anderen Kreaturen auf ein Minimum reduziert wird, durch Technik und von Menschen gemachte Dinge ersetzt wird oder ganz verloren geht? Unser Verständnis davon, was Leben ist?!

Weber schreibt: „Das trostlose Leben der Kinder, eingesperrt hinter Bildschirmen, zu Tode geschützt hinter Airbags und Schulhortmauern, sollte uns aufrütteln. Oder sind wir schon zu abgestumpft, um den Skandal zu bemerken, dass eine ganze Kultur sich verschworen hat, die Prinzipien der Lebendigkeit abzuschaffen?“

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