Lebens-Mitte

Vor einiger Zeit flatterte die Einladung zum 20jährigen Abi ins Haus. Ich bin mit eher gemischten Gefühlen zu diesem Treffen gefahren. Schließlich habe ich seit Jahren zu niemandem aus meiner Jahrgangsstufe mehr Kontakt. Es wurde ein ausgesprochen netter Abend mit angeregten Gesprächen – ausgerechnet mit Leuten, mit denen ich während meiner Schulzeit so gut wie nie etwas zu tun hatte.

Nachher habe ich mich gefragt, ob es eigentlich ein Thema gibt, das uns alle verbindet. Die einen stecken – wie wir – gerade erst in der Familiengründungsphase, andere haben die Kinder schon bald wieder aus dem Haus. Ein Paar ist bereits seit unserer Schulzeit zusammen, andere sind längst wieder mehr oder weniger glückliche Singles. Und auch beruflich könnte das Spektrum kaum größer sein: zufriedener Hausmann, selbständige Unternehmerin, Dauerstudent und Gelegenheitsjobber – alles war vertreten.

Eigentlich gibt es nur ein Thema, das uns – rund um die vierzig – verbindet: wir befinden uns alle in unserer Lebensmitte. Zumindest statistisch gesehen haben wir so ungefähr die Hälfte des Lebens hinter uns.

Aber was bedeutet das? Im täglichen Leben spielt die Frage, wieviel Lebenszeit schon rum ist und wie viel noch bleibt, ja in der Regel keine Rolle. Trotzdem hat mich diese Frage nicht mehr losgelassen und sie beschäftigt mich seither.

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Aus der indischen Philosophie kenne ich schon länger die Einteilung in vier Lebensstadien von jeweils 21 Jahren: der enthaltsame Schüler, der Hausvater, der Waldeinsiedler und der Weise. Auch wenn die Bezeichnungen etwas urtümlich erscheinen, entsprechen die Phasen durchaus unserer Lebenswelt. Wir kennen die Übergänge in ein eigenständiges Leben, sprechen von der midlife-crisis und wissen um den Einschnitt, den der Übergang in den Ruhestand bedeuten kann. Aber während beim Eintritt ins Berufsleben und auch beim Ausscheiden daraus die Veränderungen auf der Hand liegen, gibt es in der Lebensmitte nichts, was sich im Außen verändert. Im Gegenteil, es könnte eigentlich alles Jahre und Jahrzehnte so weitergehen wie bisher – wenn, ja wenn sich da nicht manchmal das Gefühl einschleichen würde: „Das kann doch nicht alles gewesen sein!“ In der Lebensmitte verändert sich etwas ganz leise und unbemerkt.

Im Verborgenen vollzieht sich etwas, was ein entscheidender Wendepunkt des Lebens sein kann. Für den Schweizer Psychoanalytiker C. G. Jung steht ab der Lebensmitte die wichtige Aufgabe an, die innere Persönlichkeit auszubilden. Aber dieser Weg von außen nach innen kann steinig und holprig sein. Man muss im Inneren aufräumen, alte Verletzungen bearbeiten, seelische Bedürfnisse ernst nehmen. Diese Phase funktioniert nach anderen Prinzipien als die vorige. Wer genauso weitermacht wie bisher – den beruflichen Erfolg, das Vermögen, seine Macht und sein Wissen ausbauen – der verpasst das Entscheidende. Aber auch das Gegenteil – den alten Beruf an den Nagel hängen, eine neue Beziehung anfangen, aussteigen und sich selbst verwirklichen – führt immer noch in die falsche Richtung. Es geht weder darum, weiterhin „Fleißkärtchen zu sammeln“, noch sein Leben neu zu erfinden. Weil beides immer noch mit einer Orientierung nach außen einher geht.

Jetzt steht es aber an, sich einer inneren Führung anzuvertrauen. Während bisher Aktivität und gestaltende Kraft im Vordergrund standen, ist jetzt mehr und mehr Loslassen gefragt. So vollzieht sich ein innerer Führungswechsel, der sich an manchen Stellen wie Kontrollverlust anfühlt und nicht nur angenehm ist. In dieser Lebensphase sind daher Zeiten des Rückzugs und der Stille von besonderer Bedeutung.

Aber dieser Weg ist nicht nur steinig und schwer. Wer sich darauf einlässt, findet Geschmack daran. Wer den unmittelbaren Ruf des Lebens zu hören vermag, dem wird die Welt durchsichtiger und leuchtender als vielleicht je zuvor. Und er wird selbst durchscheinend für Weisheit und Güte – Qualitäten, die wir an alten Menschen sehr schätzen, die sich aber keineswegs von alleine einstellen.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich bei mir die Frage nach einer Lebensaufgabe gerade jetzt meldet. Auf jeden Fall bin ich gespannt, welche Veränderungen die nächsten Jahre mit sich bringen werden…

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Ein Gedanke zu „Lebens-Mitte

  1. Pingback: Die Hälfte ist jetzt rum… – marthori

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